Omas Christbaumschmuck

 

Nach Jahren des Studiums hielt Marie endlich ihren Abschluß in den Händen. Welch ein großer Moment! Gemeinsam mit ihrer Freundin saß sie in einem Eiskaffee und genoß die Luft eines lauen Sommerabends. Jetzt konnte das neue Leben beginnen, auf daß sich die beiden jungen Frauen schon lange freuten, auch wenn es für beide eine Trennung bedeutete, nach den gemeinsamen Jahren an der Uni, so strebten doch beide ihrem lang ersehnten Ziel entgegen. Ursula hatte zielstrebig darauf hingearbeitet nach Beendigung des Studiums nach Afrika zu gehen. Schon lange hatte sie sich bei einem sozialen Verein beworben und auch eine Zusage bekommen, einen Job als Ärztin im Ausland antreten zu können. In den ersten Jahren würde sie dort arbeiten, wo sie gerade gebraucht wurde, aber das störte sie nicht. Marie hingegen freute sich auf ihre erste kleine Wohnung. Sie hatte in einer Klinik eine Stelle angenommen. Sie hielt die Heimaterde. Für die junge Frau war es unvorstellbar, für mehr als einen Urlaub außer Landes zu sein.

Briefe gingen hin und her, bis sich beide Freundinnen wiedersehen konnten, war der Herbst ins Land gezogen und es ging bereits auf Weihnachten zu.

Marie hatte sich in ihrer kleinen Wohnung gemütlich eingerichtet. Der erste Advent stand vor der Tür und so überlegte sie, wie sie wohl ihr kleines Heim weihnachtlich schmücken würde. In diesem Jahr würde sie sich ihren ersten Christbaum holen, das hatte sie sich fest vorgenommen und darauf freute sie sich schon sehr. Als sie eines Abends ein wenig aufräumte, fielen ihr die alten Briefe von ihrer Großmutter in die Hände. Sie begann sie zu lesen. ‚Ach ja, die Zeit bei Oma, in der Adventszeit war doch die Schönste!‘, dachte sie bei sich. Wie gerne hatte sie bei ihrer Oma übernachtet‘, entsann sich die junge Frau zurück. Und plötzlich fiel ihr ein, daß vom Umzug noch ein Karton unausgepackt stand, von ihrer Großmutter, den sie ihr für ihre eigene Wohnung geschenkt hatte. Der Trubel der letzten Monate hatte die junge Frau, so manches vergessen lassen. Schnell lief sie in den Keller, um ihn herauf zu holen. In der Wohnung angekommen, öffnete sie den Karton und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Nun brauchte sie sich keine Gedanken mehr darüber machen, wie sie ihre kleine Wohnung für die bevorstehende Zeit schmücken würde. Es war, wie eine verzauberte Schatzkammer, die sich hier für sie öffnete. Bei manchen Dingen liefen ein paar Tränen der Erinnerung, dann lächelte sie aber auch wieder und war ihrer Großmutter unendlich dankbar, für diese unerwartete Überraschung. Jedes einzelne Stück nahm Marie liebevoll in die Hände und ließ die Gedanken schweifen. Der alte Nußknacker erinnerte an so manch gemeinsame Stunde, die beide beim Adventskranz beisammensaßen. Sogar das alte Liederheft lag mit dabei, wie hatte sie es geliebt, in ihrer Kindheit, diese schönen Bilder zu betrachten und mit der Großmutter gemeinsam zu singen. Und erst einmal die Christbaumkugel und die gläsernen Vögel, die sie so sehr liebte. Jetzt konnte es Marie kaum noch erwarten, mit all diesen schönen Stücken ihre Wohnung zu schmücken. Ganz zum Schluß kam auch das Engel Orchester zum Vorschein. Behutsam suchte die junge Frau für jeden Gegenstand einen besonderen Platz aus. Die Kugeln stellte sie noch einmal zurück, sie mußten noch ein paar Wochen warten, bis sie der Kiste entnommen wurden.

Als am nächsten Tag Ursel zum Adventskaffee erschien, hatten sich beide Freundinnen viel zu erzählen, von dem, was sie in den letzten Monaten erlebt hatten. Als sie sich am Abend verabschiedeten, sagte Ursel: „Bei dir ist es richtig gemütlich, ich beneide dich fast um dein schönes Heim. Überall diese einfarbig, schillernde Deko, sie wirkt so kalt und unpersönlich. Man spürt kaum etwas von Weihnachten. Hier bei dir ist es heimelig und schön. Das wiederholen wir am kommenden Sonntag.“ Für Marie war dies ein großes Kompliment an ihre Großmutter, der sie so viel zu verdanken hatte, darum sagte sie: „Die Geschichte, die zu all dem gehört, erzähle ich dir am kommenden Sonntag.“ Beide umarmten sich und freuten sich auf den 2. Advent. © Christina Telker

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