Bergmann und Engel

 

Das Weihnachtsfest stand bevor. Die Bergleute trafen sich zur Mettenschicht. Endlich die letzte Schicht des Jahres, bevor es zur Familie ging. Werner freute sich schon sehr auf die Augen seiner Kinder, wenn sie das Weihnachtszimmer betraten und den leuchtenden Christbaum sahen in seinem Glanze. Für ihn war es fast das Schönste am Weihnachtsfest. Längst warteten die Hauer auf das Klopfzeichen, daß sie zur Mette rief. Heute durfte die Schicht eher als sonst beendet werden, man traf sich in der Kapelle, bevor man auseinanderging, um ein Dankgebet für die Rettung zu sprechen, die sie das Jahr über erfahren durften.

Jetzt hörten sie etwas, der Korb war das erste Mal in der Grube angekommen, um die ersten Kumpel ans Tageslicht zu befördern. Jetzt ging es am laufenden Band. Werner war heute im hinteren Teil der Grube beschäftigt, jetzt beeilte er sich, nach vorn zu kommen. Auf einmal rumpelte es im Schacht und der Korb saß fest. Gerade war er auf der letzten Fahrt nach unten. Werner hatte starke Nerven, ohne die hätte er den Tag in der Grube nie überstanden, jetzt war er jedoch den Tränen nahe. Sollte er in diesem Jahr nicht bei der Bescherung seiner Kinder dabei sein? Wenn so ein Transportkorb erst einmal kaputtging, konnte es lange dauern, bis alles wieder reibungslos lief. Er setzte sich auf eine Kiste und holte seine letzten Vorräte heraus. Die Grubenlampe würde noch so manche Stunde durchhalten, doch dann würde es ungemütlich werden. Werner stellte sich vor, wie es jetzt daheim sein würde. Als seine Grubenlampe fast ihren Schein aufgeben wollte, gewahrte er aus der finstersten Ecke der Grube einen Schein. Was konnte das sein überlegte er? Dieses Licht kam auf ihn zu. Werner war wirklich kein Hasenfuß, aber diesen Schein konnte er sich einfach nicht erklären, so wurde es ihm langsam etwas ungemütlich. Eins wußte er jedoch, ein entrinnen gab es nicht und so wollte er abwarten, was da auf ihn zukam.

Plötzlich sprach ihn dieses etwas an: „Ich möchte dir Gesellschaft leisten, Werner. Hab keine Angst, es ist Weihnachten, das Fest der Liebe!“ Wache oder träume ich, überlegte der Mann. Er kniff sich vorsichtshalber in den Arm und stellte fest, daß er wach war. „Weißt du, wenn du ein Engel bist, denn dafür halte ich dich, dann sorge doch bitte dafür, daß ich zu meinen Kindern komme.“ „Dazu bin ich gekommen. Mit eurem Korb wird es wohl noch bis nach dem Fest dauern.“ „Und wie wollen wir dann nach oben kommen?“, wollte Werner jetzt wissen. „Hast du vergessen, daß ich ein Engel bin?“, antwortete sein Gegenüber. „Steh auf und komm her zu mir. Ich werde dich umarmen.“ Werner tat wie ihm gesagt. Jetzt war ihm doch, als würde er in einen tiefen Schlaf fallen. Als er erwachte, befand er sich auf dem Weg zu seiner Wohnung.

Werner schaffte es gerade noch sich umzukleiden, um mit seiner Familie zum Gottesdienst zu gehen. Als er am Abend mit seiner Frau unter dem Christbaum saß, nahm er sie bei der Hand und erzählte ihr von seinem Erlebnis. Da Werner nicht nur Bergmann, sondern auch ein guter Schnitzer war, begab er sich am zweiten Feiertag in seine Werkstatt und ließ erstmals einen Engel und einen Bergmann aus Holz entstehen. Beide trugen Kerzen in der Hand. Diese Figuren stellte er ins Fenster. Jeder der vorüberkam erfreute sich an diesem besonderen Schein der Kerzen. So kam es, daß Werner nie wieder als Bergmann arbeiten brauchte. Er bekam ausreichend Aufträge, um Engel und Bergmann zu schnitzen und zu drechseln. Jeder wollte diese beiden Lichtträger in seinem Fenster stehen haben und das nicht nur im Erzgebirge.

© Christina Telker

Dies ist eine mit page4 erstellte kostenlose Webseite. Gestalte deine Eigene auf www.page4.com