Der kleine Weihnachtsengel

 

Etwas neidisch und ein wenig traurig saß Julius, der kleine Weihnachtsengel, auf seiner Wolke. ‚Immer dürfen nur die großen Engel hinunter zur Erde‘, dachte er bei sich, ‚dabei kann auch ich die Weihnachtsbotschaft verkündigen. Gabriel hat mir oft genug die Geschichte erzählt, die damals vor zweitausend Jahren in Bethlehem geschah. ‘ Neugierig rückte er immer weiter zum Wolkenrand, bis er plötzlich den Halt verlor und hinunterfiel. Noch nie war er so weit geflogen. Na ja, im Himmel mal so von einer Wolke zur anderen, aber bis zur Erde? Das hatte der Herr nicht erlaubt. ‚Du bist noch viel zu klein‘, hieß es dann immer. Und nun? Jetzt mußte es auch gehen. Julius nahm all seine Kraft zusammen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Als er der Erde näherkam, trug ihn der Wind teilweise, das erleichterte den Flug ungemein. Er bedanke sich bei dem Wind und bat ihn, ihn möglichst sanft auf der Erde abzusetzen, denn er hatte im Himmel gelernt, daß man auch mit dem Wind reden könnte. Der Wind lächelte über den kleinen Julius und setzte ihn direkt auf dem Marktplatz einer großen Stadt ab. Jetzt erst fiel Julius ein, daß er ja auf Erden für viele Menschen unsichtbar war und nur für die sichtbar sei, die an Engel glaubten. ‚Na, da bin ich ja gespannt, was jetzt geschieht? ‘, dachte der kleine Engel bei sich und begab sich auf den Weg.

Zuerst lief er nur so die Straßen entlang und staunte über all das, was er hier sah. Hell erleuchtet war die Stadt, auch in den Fenstern sah er Lichter leuchten. ‚Wie schön es sich die Menschen zu Weihnachten machen‘, dachte er bei sich und verglich es mit dem großen Saal oben im Himmel. ‚Gut, da kommen die Menschen nicht heran mit dem größten Aufwand nicht‘, stellte Julius fest, ‚aber auf der Erde ist ja auch alles ein wenig kleiner.‘ Nun wollte er sich endlich einmal das Christfest aus der Nähe ansehen und seine Weihnachtsbotschaft verkündigen, denn das war ja der Auftrag der Engel. Er flog zu einem hell erleuchteten Fenster im vierten Stock eines Hauses. Dort hatte die Mutter gerade den kleinen Paul ins Bett gebracht, der sich mit seinem neuen Teddy im Arm zum Schlafen bereitmachte. Die Mutter löschte gerade das Licht und schloß behutsam die Tür. Paul drehte sich zum Fenster um und konnte nicht glauben, was er da sah. ‚Saß da wirklich ein Engel oder war er so heute besonders schnell eingeschlafen und träumte bereits? ‘, überlegte der Junge. Jetzt richtete er sich auf im Bett, aber der Engel war immer noch auf dem Fensterbrett. Vorsichtig ging Paul zum Fenster und öffnete es. „Wer bist du?“, fragte er nun, „du siehst aus wie ein Engel.“ „Ich bin ein Engel“, antwortete Julis und er erzählte nun, wie er auf die Erde gekommen war. „Nun möchte ich dir die Weihnachtsbotschaft bringen“, setzte Julius seine Rede fort. „Die hat uns heute Nachmittag schon der Engel des Krippenspiels gebracht“, berichtete Paul. „Von einem richtigen Engel höre ich sie aber gerne noch einmal.“ Paul kuschelte sich wieder in sein Bett, denn ihm war am geöffneten Fenster recht kalt geworden. Julius setzte sich ans Fußende des Bettes und erzählte vom Weihnachtswunder vor zweitausend Jahren. Paul war irgendwann eingeschlafen und sah im Traum noch Julius auf seinem Bett sitzen.

Julius flog zum Fenster, als er seinen Bericht beendet hatte. Bisher hatte er ja noch recht wenig gesehen, von dem was die Menschen Weihnachten nennen. Die großen, leuchtenden Tannenbäume beeindruckten ihn sehr. Aber wo war die Krippe von Bethlehem, von der im Himmel immer soviel die Rede war? Suchend flog Julius durch die Straßen und schaute ab und zu in ein Fenster. Als er gerade wieder in ein Fenster schaute, entdeckte er eine Krippenlandschaft, so wie er sie sich vorgestellt hatte. Schafe, Maria und Josef und das Jesuskind in der Krippe. Selbst Ochs und Esel standen bei dem Kind. Das mußte er sich näher ansehen und so kam es, daß er sich fast die Nase plattdrückte an der Fensterscheibe. Das konnte im Zimmer nicht verborgen bleiben. Verwundert trat ein älterer Mann ans Fenster und öffnete es. „Möchtest du hereinkommen kleiner Engel?“, fragte er mit einem freundlichen Lächeln. „Gerne! Ich habe die Krippe gesehen und möchte sie mir ansehen. Darf ich dir die Weihnachtsbotschaft bringen?“, fragte er den Mann. „Die Weihnachtsbotschaft habe ich heute auch den Menschen gebracht“, antwortete der Pfarrer. „Aber ich freue mich einen Engel persönlich kennenzulernen.“  Nun wurde Julius die Krippe erklärt, worüber er ganz begeistert war. Als sich der kleine Engel alles angesehen hatte, begann fast der Morgen zu grauen und er merkte, daß es längst Zeit war für den Rückflug. Er verabschiedete sich und flog schnell in Freie und bis zum Wind empor. Ihn bat er wieder, ihn doch etwas höher hinauf in den Himmel zu tragen. Gerne tat ihm der Wind den Gefallen. „Nun mußt du aber das letzte Stück zu deiner Wolke selber schaffen“, sagte er zum Abschied. Julius mußte sich mächtig anstrengen, manchmal dachte er, es nicht zu schaffen. Endlich hatte er seine Wolke erreicht. Als er sich etwas erholt hatte, begab er sich zum großen Saal, wo längst alle Engel Christi Geburt feierten. Etwas müde und erschöpft hielt er sich heute im Hintergrund und dachte: ‚Es hat sich gelohnt zur Erde zu fliegen. Nun habe ich einem Kind die Weihnachtsbotschaft gebracht und die Krippe vom Bethlehem gesehen. Vielleicht bin ich im nächsten Jahr schon groß genug, um mit den anderen Engeln zur Erde fliegen zu können. Nur gut, daß keiner etwas von meinem Ausflug gemerkt hat. Eins hatte Julius erfahren. Bis zum nächsten Jahr mußte er unbedingt noch das Fliegen üben. (c) Christina Telker

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