Die Entdeckung

 

Elke saß auf der Couch, um sie herum lagen einige Backbücher, die sie im Laufe ihres Lebens gesammelt hatte. Die Adventszeit war wieder einmal, schneller als erwartet, in greifbare Nähe gerückt und es galt ein paar Rezepte für die Weihnachtsbäckerei herauszusuchen. Als sie noch so in ihre Gedanken versunken war, läutete das Telefon. Heike, ihre Tochter rief an. „Hast du schon angefangen Plätzchen zu backen?“, war ihre erste Frage. „Nein. Ich bin gerade dabei einige Rezepte herauszusuchen“; gab die Mutter zur Antwort. Jetzt folgte ein heiterer Austausch der unterschiedlichsten Anregungen, bis Elke sagte: „Weißt du noch? Kannst du dich noch erinnern? Sicher warst du damals zu klein. Oma verstand es hervorragen zu backen. Ihre Lebkuchen waren unübertroffen. Ich ärgere mich jedes Jahr aufs Neue, daß ich sie mir nicht habe geben lassen. Erst als ich älter wurde, merkte ich schmerzhaft den Verlust. Ach, wenn ich diese Rezepte noch hätte!“ „Ach ja“, begann jetzt auch Heike zu schwärmen, „das wäre tolle. Du weißt, ich werde im nächsten Jahr ein kleines Café eröffnen. Den Raum habe ich jetzt auch schon gefunden. Wenn ich dort zur Weihnachtszeit etwas Besonderes anbieten könnte, daß es nirgends sonst gibt, das würde mir Kundschaft bringen. Aber ich denke, wir haben schon alles durchgesucht, damals als wir gemeinsam den Boden aufräumten.“ „Ja, leider“, bestätigte die Mutter.

Als das Telefonat beendet war, dauerte es noch ein Weilchen, bis Elke wieder zu ihrem Vorhaben zurückkehren konnte. Die Erinnerung hatte sie gefangengenommen. Nach einer Tasse Tee, machte sie sich jedoch frohgemut weiter daran, die schönsten Rezepte herauszusuchen.  Gegen Abend lag dann eine stattliche Anzahl von Rezepten vor ihr, die ausprobieren wollte. Elke musste lächeln, als sie an das eine Rezept dachte, daß in jedem Jahr zur Weihnachtsbäckerei gehörte. Es befand sich in einem Backbuch und nannte sich ‚Teufelsküsse‘, da sehr viel Schokolade dafür benötigt wurde. Da ihre Mutter aber vom Teufel keinen Kuß haben wollte, das Rezept jedoch großartig fand, gab sie dem Rezept einfach einen anderen Namen ‚Schokoknöpfe‘ und schon war es für sie kein Problem mehr sie zu backen. ‚Ach ja, wenn doch nur das Rezept der Großmutter noch da wäre. Ob es heute noch funktionieren würde? Viele Zutaten hatten sich verändert im Laufe der Zeit‘, so gingen Elkes Gedanken.

Als Heike zum Adventskaffee erschien, freute sie sich über die gelungenen Kreationen ihrer Mutter. „Möchtest du nicht zu mir ziehen?“, fragte sie in den letzten Jahren zum wiederholten Male. Immer hatte die Mutter abgelehnt. Es gab immer neue Gründe, die sie vorbrachte, um nicht ihren Heimatort zu verlassen. „Wenn ich dann im kommenden Jahr mein Kaffee eröffne, könntest du mir eine große Hilfe sein. So würdest du dich schnell einleben. Was meinst du, was wir alles gemeinsam schaffen könnten.“ Mutter und Tochter hatten sich schon immer gut verstanden. Die Idee mit dem Café war verlockend, das musste Elke zugeben und was hielt sie wirklich noch hier, überlegte die Mutter. „Ich werde es mir überlegen. Im Frühjahr komme ich mal vorbei und schau es mir an“, sagte sie nun zu ihrer Tochter. „Mutti! Das wäre großartig!“ Voll Jubel umarmte Heike ihre Mutter. Sie hatte schon nicht mehr daran geglaubt, die Mutter irgendwann überzeugen zu können. ‚Wie gut war doch die Idee, der Mutter im Kaffee noch einmal eine Aufgabe zu geben‘, dachte die junge Frau jetzt.

Wie versprochen, kam die Mutter Anfang März um sich die Ideen ihrer Tochter anzusehen. Die Handwerker waren gerade dabei die Räume zu renovieren. Heike legte der Mutter ihre Entwürfe vor, wie sie sich das Café eines Tages vorstellen könnte. Mit einem Simulationsprogramm hatte sie alles selbst entworfen. Nun berieten die beiden Frauen und brachten gemeinsam ihre Ideen ein. Manches wurde verändert, anderes blieb so wie Heike es sich vorstellte. Am nächsten Tag gingen beide gemeinsam zu den Ämtern, um die noch erforderlichen Wege zu erledigen. Zurückgekehrt, ging Elke schweren Herzens zum Makler, um ihr Haus zum Kauf anzubieten. Ein wenig Vorfreude auf das Neue, das nun auf sie wartete, war auch dabei, aber der Abschiedsschmerz überwog, immerhin war es ihr Elternhaus von dem sie sich nun verabschiedete. Schnell fand sich ein Käufer, bei dem Elke auch ein gutes Gefühl hatte und ihm gerne ihr Haus überließ. Schon bald begann sie mit dem Packen der Umzugskartons. Nach so einem langen Leben in einem Haus, galt es Wichtiges von unwichtigem zu unterscheiden. Nicht alles konnte mitgenommen werden.

Als der Mai Einzug hielt und die Bäume im Garten ihre ersten Blüten zeigten, hielt der Umzugswagen vor dem Haus. Als alles verladen war, gingen Mutter und Tochter noch einmal durch alle Räume um Abschied zu nehmen. Heike strich ab und zu liebevoll mit der Hand über die Wände. Als sie in der Küche angekommen waren, hielt sie plötzlich inne. Noch einmal berührte sie die gleiche Stelle, diesmal etwas intensiver. „Mutti, schau, hier ist etwas!“, rief sie ihrer Mutter zu. „Was soll da schon sein? Früher hat man nicht so exakt gearbeitet. Wird eine leichte Unebenheit im Mauerwerk sein“, gab sie zur Antwort, kam aber noch einmal zurück um sich die Stelle genauer zu betrachten, sie die Tochter ihr zeigte. Jetzt strich auch sie mit der Hand darüber. Da war etwas, das spürte sie nun auch. Mit einem Messer lösten sie vorsichtig die Tapete und entdeckten eine kleine Tür, nicht größer als ein mittleres Schneidebrett. Mit einem Dietrich öffneten sie das Schloß und standen vor alten Schriften. Unterschiedliche Zettel und Hefte waren hier sorgfältig übereinander gestapelt. Behutsam nahm Elke den Stapel an Schriften aus dem Fach. Ein Jubelschrei entfuhr ihr, als sie die Handschrift ihrer Mutter erkannte. Wenig später wurde beiden Frauen klar, daß waren die gesuchten Rezepte der Großmutter. Elke hielt den Stapel der Schriften an sich gedrückt. ‚Danke Mutter, für diesen letzten Gruß‘, dachte sie bei sich. Als daheim die Möbel wohnlich gestellt und das neue Zimmer eingerichtet war, machten sich die beiden Frauen in aller Ruhe daran die Rezepte zu lesen und zu sortieren. Nichts hielt sie davon ab in den nächsten Wochen, trotz sommerlicher Hitze, Lebkuchen zu backen. Immerhin mußten sie die Rezepte ausprobieren, um sie zur Adventszeit ihren Gästen anzubieten. Jedes einzelne Rezept wurde fein sortiert in eine Kartei eingegeben. Als sich die Frauen für die schmackhaftesten zehn Sorgen entschieden hatten, meldeten sie diese zum Patent an.

Als dann im Spätherbst Großmutters Lebkuchen und Weihnachtstorten im Café angeboten wurden, riß der Ansturm der Gäste nicht ab. Schnell hatte sich herumgesprochen, daß es im Café „Großmutters Schatzkästchen“ besondere Naschereien für den Gaumen gab. Als die beiden Frauen am Heiligen Abend zur Christmesse gingen, dankten sie Gott für das Geschenk, das sie im letzten Moment in ihrem alten Haus entdecken durften. Voller Zuversicht blickten sie eine Woche später ins neue Jahr.

 © Christina Telker

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