Dorfgemeinschaft

 

Glutrot verabschiedete sich die Sonne an diesem, vor Frost klirrenden, Winterabend vor dem ersten Advent. Nur noch wenige Wochen war es bis zum Fest. ‚In diesem Jahr werden wir sicher, nach langem, wieder weiße Weihnachten haben‘, sprach Gertrud vor sich hin. Gerne sah sie der untergehenden Sonne zu und ihrem sich ständig verändernden Wolkenbild, bis sie endgültig hinter dem Horizont verschwunden war. Jetzt begab sie sich in die Küche, um den Stollenteig für den nächsten Tag anzusetzen. Präzise genau wog sie alle Zutaten ab. Ihre Stollen waren im ganzen Dorf beliebt. Jeder freute sich, der am 3. Advent bei ihr zum traditionellen Stollenessen eingeladen war. Jährlich wurden es mehr Gäste, aber Gertrud handelte nach dem Satz, ‚Platz ist in der kleinsten Hütte‘. So war es dann auch. Nie wäre einer der Gäste auf die Idee gekommen, Gertruds kleine Kate als zu eng anzusehen. Zum Abschied bekam jeder Gast von ihr als Weihnachtsgruß einen kleinen Stollen mit heim.

Doch in diesem Jahr sollte es anders kommen. Als Gertrud sich am Morgen fertig machen wollte, rutschte sie im Bad aus und brach sich das Bein. Sie musste ins Krankenhaus und ihr Stollenteig stand verwaist in der Küche. Als ihre alte Freundin, die Zeitungszustellerin  gegen Mittag ins Haus trat, sah sie die Bescherung. Nur gut, dass Gertrud ihr für den Ernstfall ihren Wohnungsschlüssel überlassen hatte. Nun sorgte Frau Müller dafür, dass diese Nachricht im Dorf die Runde machte. Für den Nachmittag verabredeten sich alle Frauen des Dorfes und jeder nahm einen Teiganteil mit nach Hause. Wie froh war Gertrud, als sie von dieser Lösung hörte. „Zum Kaffee treffen wir uns dann im nächsten Jahr“, meinte sie etwas traurig. Pünktlich zum 3. Advent wurde die alte Dame aus dem Krankenhaus entlassen. Als sie sich am Morgen ihren Kaffee brühte, dachte sie betrübt an die Jahre zuvor, in denen gerade dieser Nachmittag für sie der schönste der Adventszeit war. ‚Da kann man halt nichts machen‘, dachte sie bei sich.

Wie staunte sie, als es am frühen Nachmittag an ihrer Tür klingelte, wo sie doch heute gar keinen Besuch erwartet hatte. Frau Müller stand vor der Tür. Nachdem die beiden Freundinnen sich ein wenig ausgetauscht hatten, meinte Frau Müller: „Na, dann wollen wir mal den Tisch decken. Sag mir einfach, wo alles steht, ich mache das dann schon.“  „Wieso den Tisch decken? Das hört sich ja an, als ob eine ganze Gesellschaft käme. Für uns beide genügt doch das alltägliche“, gab Gertrud zu bedenken. „Ja, für uns beide schon, aber möchtest du denn deine anderen Gäste nicht bewirten?“, fragte lächelnd Frau Müller. „Ich habe keinen eingeladen. Habe ja auch nichts womit ich meine Gäste bewirten könnte“, gab nun Gertrud zu bedenken. „Doch du hast alles, um deine Gäste zu bewirten. Hast du denn den Stollenteig vergessen, der bereits fix und fertig nur noch auf das Abbacken wartete, als du ins Krankenhaus kamst? Alle Frauen des Dorfes haben sich einen Teil des Teigs geholt an diesem Tag, um ihn bei sich zu Hause abzubacken. Heute kommen sie zu dir zum Kaffee“, erklärte Frau Müller nun. Gertrud konnte es gar nicht fassen. Was hatte sich ihre Freundin da nur einfallen lassen. „Als sich am Abend die Frauen verabschiedeten, sagte die alte Gertrud: „So einen schönen 3. Advent hatten wir noch nie. Ich danke euch allen für eure Liebe, die ihr mir erwiesen habt.“ „Du warst immer für uns da, warum sollten wir, da nicht auch einmal für dich da sein“, war die einstimmige Antwort. „Vergesst nicht, am nächsten Sonntag treffen wir uns alle im Gemeindehaus mit Pfarrer Wöllner zum Adventssingen“, erinnerte Gertrud beim Abschied. Es gab keinen, der dieser Einladung nicht gefolgt wäre. (c) Christina Telker

 

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