Strohsterne

 

Stimmungsvoll leuchtete das Licht der zweiten Adventskerze in das dämmrige Tageslicht des frühen Nachmittags. In jeder zweiten Adventswoche war es seit Jahren bei Werners Sitte, daß ein Nachmittag der Weihnachtsbastelei vorbehalten war. An diesem Nachmittag saß Hilde mit ihren beiden Töchtern zusammen und fertigte Baumschmuck für den Heiligen Abend. Vieles hatten sie im Laufe der Jahre bereits ausprobiert, denn es war für die drei Ehrensache, den Baumschmuck für ihre Tanne selbst anzufertigen. Als die Kinder klein waren, klebten sie schmale Papierringe zu einer Kette zusammen, auch diese gab es nach den vielen Jahren noch, denn stets wurde alles sorgfältig verpackt aufgehoben.

Im vergangenen Jahr waren es filigrane Sterne aus Papier gewesen, die den Baum zierten. In diesem Jahr wollten sie sich an Strohsterne versuchen. Das Bastelheft hierfür lag aufgeschlagen vor ihnen. Von einer CD klangen in sanftem Ton Weihnachtlieder. Der Duft des heißen Kakaos erfüllte das Zimmer und regte dazu an, immer wieder nach den frisch gebackenen Plätzchen zu greifen.

In der letzten Woche hatte Hilde Stroh aus dem Bastelgeschäft mitgebracht. Die Bastelscheren und das Garn lagen bereit. Jetzt berieten sie gemeinsam, wer sich an welchem Stern versuchen wolle. Plötzlich sah die Mutter ihre beiden Mädchen an, wie aus einem Traum erwacht. Von weit her kam ihr Blick, aus längst vergangener Zeit. „Ich muß euch mal etwas erzählen“, begann sie nun. Erwartungsvoll sahen die Mädchen ihre Mutter an. Wenn sie so schaute, waren es meist Kindheitserinnerungen, von denen sie berichtete und das gefiel den Kindern immer besonders gut.

„Wißt ihr, daß ich mit meiner Mutti in meiner Kindheit auch schon Strohsterne bastelte. Sie waren längst nicht so künstlerisch perfekt wie die unseren, nachher wohl aussehen werden, aber sie hatten eine eigene Geschichte. Zum ersten hatten wir nicht so ein Bastelheft, in dem jeder Schritt vorgezeigt ist, mit dem gar nichts schiefgehen kann. Damals sagte einer dem anderen weiter, wie er die Strohsterne fertigte und jeder war stolz auf seine eigenen Muster. Aber das Wichtigste war der Weg, bis aus dem Stroh ein Stern wurde. In meiner Kindheit erlebte ich noch mit, wie das Getreide im Sommer geerntet wurde. Ihr erinnert euch, wie ihr es im letzten Jahr im Museumsdorf erlebtet? Wenn die Getreideernte eingebracht war, gingen wir mit Mutter aufs Feld raus und sammelten Stroh für unsere Sterne. Stroh nennt man die gedroschenen, trockenen Getreidehalme, die immer bei der Ernte auf dem Acker liegenbleiben. Diese wurden dann daheim in eine große Schüssel gelegt und mit kochendem Wasser überbrüht. Wenn die Halme weich genug waren, wurden sie gebügelt bis sie glatt und trocken waren. Jetzt konnten aus den Halmen, Sterne werden.“ „Das war aber ein mühseliger Weg“, gab Ursel zu bedenken. „Ja, es waren einige Arbeitsschritte und längst nicht so einfach wie heute, wenn man das Stroh im Bastelladen kauft, aber es bereitete viel Freude. Mit jedem Arbeitsschritt kamen wir dem Basteln und somit dem Weihnachtsfest etwas näher.“ Nun stand die Mutter auf und ging auf den Boden. Verwundert sahen sich die beiden Mädchen an. Als Hilde wieder das Zimmer betrat, hielt sie einen Strohstern in Händen. „Ich wußte nicht, ob es ihn wirklich noch gibt, aber ich fand ihn in meiner ‚Schatzkiste“, meinte sie lächelnd und legte den Stern auf den Tisch. „Das Stroh sieht ganz anders aus als unseres“, stellte Maria fest. „Das kommt daher, daß unser heutiges Stroh maschinell bearbeitet wurde und damals in Handarbeit“, erklärte die Mutter.

Als der Nachmittag sich dem Ende zu neigte, lagen einige filigrane Strohsterne auf dem Tisch. Als der Schönste wurde jedoch der alte Stern aus Mutters ‚Schatzkiste‘ bezeichnet.

 (c) Ch. Telker

Dies ist eine mit page4 erstellte kostenlose Webseite. Gestalte deine Eigene auf www.page4.com