Wenn die Weihnachtssterne leuchten

 

Viel zu schnell war für die meisten Erwachsenen das letzte Jahr wieder vergangen. Schon stand man vor dem ersten Advent. Einen gab es jedoch, der sich ganz besonders auf diesen Tag freute und das war Jörg. Bisher durfte er der Mutter zwar in jedem Jahr zur Hand gehen, wenn die Wohnung wieder für die Adventszeit geschmückt wurde, in diesem Jahre durfte er selbständig den Herrnhutern zusammensetzen, das hatte die Mutter ihm fest versprochen. In diesem Jahr wollte sie diejenige sein, die ihm die Klemmen für den Zusammenhalt des Sterns zureichen würde. Mehrmals hatte sich der Junge in den letzten Tagen die Aufbauanleitung angesehen. Es konnte gar nichts schiefgehen. Als der Vater am Abend vom Dienst heimkam, hing der Stern bereits. Als Belohnung versprach ihm der Vater, am ersten Advent bei Einbruch der Dämmerung mit ihm durch die Straßen der Stadt zu gehen. Jörg war schon gespannt, wo überall Sterne in den Fenstern leuchten würden. Vor allem war er aber auch gespannt, wo noch ein Herrnhutstern zu sehen sein würde, so wie bei ihnen daheim.

Am nächsten Tag konnte er es kaum erwarten, bis endlich die Dämmerung einsetzte. Der Junge mußte feststellen, daß nicht alle Sterne leuchteten, manche waren filigran aus Holz geschnitzt oder aus Transparentpapier gebastelt. Als die Familie schon fast den Ortsrand erreicht hatte und der Vater zur Umkehr mahnte, da die Kälte sich bereits heftig bemerkbar machte, konnte es Jörg kaum glauben, daß er in keinem der Fenster einen Herrnhutstern gefunden hatte. So ließ sich der Vater überreden, noch diese kleine Straße zu durchstreifen. Hier am Ortsrand standen nur ein paar kleine Einfamilienhäuschen, nicht unbedingt alle neu renoviert. Plötzlich jubelte der Junge auf: „Da, da, seht ihr ihn? Da leuchtet ein Stern genau wie bei uns daheim!“  ‚Oh, wie sieht nur der Vorgarten aus? Wann ist hier wohl das letzte Mal Hand angelegt worden?‘, dachten die Eltern so bei sich, ohne dem Jungen jedoch seine Freude zu verderben. Eine Weile stand Jörg stumm vor diesem kleinen Fenster, dann fragte er seine Eltern, obwohl er schon mit einer Absage rechnete: „Darf ich mal kurz läuten und den Bewohnern sagen, daß auch wir solch einen Stern haben?“ Die Eltern sahen sich an. Zum einen wollten sie ihrem Jungen die Freude nicht verderben, zum anderen fragten sie sich, was sich hinter dieser Fassade wohl für Menschen verbergen würden. Schließlich gaben sie ihre Zustimmung.

Jörg drückte auf den Klingelknopf und wartete. Nach einer Weile öffnete sich die Tür und eine vom Alter gebeugte Frau öffnete verwundert. „Ich wollte nicht stören“, begann der Junge. „Wir haben einen Spaziergang durch die Stadt gemacht, um zu sehen, wo, welche Sterne leuchten. Nur hier haben wir diesen Stern gefunden wie bei ihnen. Genau so einen Stern habe ich gestern zusammengebaut, er leuchtet in unserem Wohnzimmer.“ Die alte Frau hatte aufmerksam zugehört, dann sagte sie: „Diesen Stern habe ich schon viele Jahrzehnte. Bereits als meine Kinder noch klein waren, leuchtete er zum ersten Advent in unserem Haus. Jetzt sind die Enkel längst erwachsen“, endete sie. „Aber ich freue mich immer über Gäste. Wenn ihr hereinkommen möchtet, würde ich mich freuen.“ Die Eltern sahen sich an, dann überwanden sie die Scheu und traten in die kleine Hütte ein. Reinlich und sauber sah es in dem winzigen Wohnzimmer aus. Auf einem kleinen Tischchen in der Ecke stand ein Adventskranz.

„Schon lange kann ich meinen Garten nicht mehr bearbeiten“, sagte die alte Frau entschuldigend. „Den Herrnhutstern hängt mir in jedem Jahr der Postbote auf, um mir eine Freude zu machen. Meine Kinder und Enkel wohnen weit weg und lassen sich nur sehr selten sehen.“ „Das wird sich ab jetzt ändern“, ergriff zuerst der Vater das Wort. „Im Frühjahr bringe ich ihren Vorgarten gerne in Ordnung, damit sie sich wieder am Blühen der Blumen erfreuen können.“ „Das würden sie wirklich tun?“ Die alte Frau kann ihr Glück noch gar nicht fassen, das unverhofft bei ihr vorbeikam. Eigentlich nur durch den Stern am Fenster angelockt. „Wenn du möchtest, kannst du mich gerne einmal besuchen kommen“, lud die alte Frau, die sich als Frau Gräbe vorgestellt hatte, den Jungen ein. Und ob Jörg wollte, gerne nahm er das Angebot an, war er doch oft am Nachmittag alleine, weil seine Eltern bis zum Abend arbeiteten. Aus Frau Gräbe wurde sehr bald Oma Gräbe. Den ersten Weihnachtsfeiertag holte der Vater sie ab zu sich nach Hause. So feierten sie gemeinsam das Christfest. Für Jörg war der Herrnhutstern sein Leben lang der schönste Stern, hatte er ihm doch direkt ins Herz geleuchtet.

© Christina Telker

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