Eine Zeitreise oder Maries Traum

 

 

 

„Schlaf gut mein Mädchen.“ Die Mutter beugte sich über Maries Bett, um ihr einen Gutenachtkuß zu geben. Mit einem Lächeln kuschelte sich das Mädchen in ihr Kissen und nahm ihren Teddy in den Arm. Maries Blick schweifte zum Fenster. Sie freute sich an den Schneeflocken, die leise zur Erde fielen. „Zweimal werden wir noch wach.“, summte sie vor sich hin. ‚Weiße Weihnacht, so wie ich es mir gewünscht habe‘, dachte sie noch, bevor ihr die Augen zufielen.

Im Traum fiel dicht um sie her der Schnee. Auf einmal fühlte sie wie in einen Schneestrudel gezogen. Als sie dem weißen wirbeln entkommen war, befand sie sich in einem Weihnachtszimmer. Dort war gerade Heiligabend. Sie sah vier Kinder mit ihren Eltern vor dem Weihnachtsbaum stehen. Der Baum war klein und seltsam geschmückt mit Nüssen, Pfefferkuchen und Äpfeln. Marie schaute genauer hin und meinte in einem der Kinder ihre Urgroßmutter zu erkennen. Zuerst las der Vater das Weihnachtsevangelium

im Anschluß sangen alle ein Lied. Nun traten die Kinder im Wechsel an den Baum heran und sagten ein Gedicht auf. Die Gedichte waren lang und doch hörten alle aufmerksam zu. Marie wurde neugierig, sie schlich sich heran und schaute unter den Baum. Dort lagen Geschenke ausgebreitet. Vor Aufregung stieß sie eins der Mädchen an, das sich kurz umsah. Wer das wohl war? Jetzt merkte Marie, daß sie wohl die Familie beobachten konnte, aber diese sie nicht sehen konnten. ‚Das ist toll!‘, freute sich Marie im Stillen und beschloß noch eine Weile an dieser Weihnachtsfeier teilzunehmen. Nach der Bescherung begab sich die Familie an den Tisch, dort stand eine große dampfende Schüssel mit einer Speise, die sie nicht kannte, aber sie hört den Namen „Mohnpielen“. ‚Wie das duftet!‘, dachte Marie, die am liebsten auch zugefaßt hätte, um die leckere Speise zu gekosten, die allen zu schmecken schien. Als Marie gerade überlegte, ob sie es wagen sollte den Finger in die Schüssel zu stecken, wurde sie wieder von einem Schneewirbel erfaßt und fühlte sich unsanft in einem dunklen Zimmer abgesetzt.

Auch hier war Weihnachten. Das Mädchen, das mit staunenden Augen in die leuchtenden Kerzen des kleinen Tannenbaumes sah, erinnerte sie an Oma Inge. Die Tanne duftete nach den leuchtenden Wachskerzen. Das Mädchen spielte glücklich mit seinem Püppchen, das heute anscheinend ein neues Kleid bekommen hatte. Liebevoll von der Tante, aus Wollresten gestrickt, wie sie hören konnte. Eine umgestülpte Fußbank war das Bettchen für die Puppe. Jetzt rief die Mutter nach dem Kind und stellte ihm einen Teller hin, auf dem aus Apfelsinenstücken ein Männchen gelegt war. Gemeinsam wurden Weihnachtslieder gesungen. Gerade als Marie sich noch etwas im Raum umsehen wollte, wurde sie erneut von einem Schneewirbel erfaßt und fortgerissen.

„He, was soll das! Ich will noch hierbleiben!“, wehrte sich Marie und merkte gar nicht, daß sie bereits wieder in einem Weihnachtszimmer stand. Als sie sich umsah, staunte sie nicht schlecht. „Mutti, das ist ja Mutti!“, rief Marie erstaunt, als sie in dem einen der Kinder ihre Mutti erkannte. Erst jetzt fiel ihr ein, daß man sie ja nicht hören konnte.

In dieser Familie ging es ganz schön lebhaft zu. Jeder der Kinder spielte mit seinem Weihnachtsgeschenk und jeder wollte die Aufmerksamkeit der anderen Geschwister und der Eltern erlangen. Vier reich gefüllte Weihnachtsteller standen auf dem Tisch. Für jedes Kind ein Teller. Obwohl man sah, daß die Kinder keinen Mangel litten, hatte das eine Mädchen, sie erinnerte Marie an Tante Gisi, ihren Teller schon zum großen Teil geleert und versuchte nun heimlich sich an den Tellern der Geschwister zu bedienen. ‚Das gibt Bauchschmerzen‘, dachte Marie. Sie kannte das, wenn sie einmal zu viel genascht hatte.

„Guten Morgen Mariechen“, begrüßte die Mutti ihr kleines Mädchen. „Nun ist es nur noch eine Nacht bis zum Heiligabend.“ Marie rieb sich verschlafen die Augen. „Mutti, ich muß dir was erzählen“, rief Marie ganz aufgeregt. „Gleich meine Kleine. Erst ziehst du dich an und wir frühstücken, dann kannst du mir alles erzählen.“ Als Marie mit ihrer Mutter am Frühstückstisch saß, ein leckeres Honigbrötchen auf ihrem Teller, begann sie zu erzählen und die Mutti lauschte dem Traum, der viel Wahres enthielt. 

© Christina Telker

Dies ist eine mit page4 erstellte kostenlose Webseite. Gestalte deine Eigene auf www.page4.com