Die Tannenfee

 

Im hohen, dichten Nadelwald, dort wo die Bäume so dicht stehen, daß kein Mensch mehr hindurchdringen kann, wohnt die Tannenfee. Sie kennt jeden Baum in ihrem Reich ganz genau und achtet darauf, daß keiner Pflanze und keinem Tier etwas Böses geschieht. Schon seit längerem hatte sie beobachtet, daß es einer kleinen Tanne nicht so gutging. Winzig und klein stand sie da und das schon so manches Jahr. Die Tannenfee schaute bei ihrem Sorgenkind öfter einmal vorbei, als bei den anderen, fand aber keine Veränderungen an der kleinen Tanne.

Als sie wieder einmal bei ihrer kleinen Freundin zu Gast war, sah sie, wie eine Maus unter der kleinen Tanne verschwand. Schnell und leise folgte ihr die Fee. Was mußte sie sehen? Die kleine Tanne konnte schon lange keine neuen Wurzeln mehr bilden. Kaum zeigte sich die kleinste Wurzelspitze, wurde sie von der zahlreichen Mäusefamilie abgenagt. „Das kann doch nicht wahr sein!“, rief jetzt die Tannenfee. Erschreckt verkroch sich die Mäusefamilie in den Gängen ihrer Wohnung. „Wie kann man nur so etwas tun? Fast wäre die kleine Tanne eingegangen, nur, weil ihr nicht genug bekommen könnt! Boshafte kleine Geister seid ihr! Eigentlich müßte ich euch sofort hinauswerfen! Da ihr aber im Winter kein neues Quartier finden würdet, werde ich noch einmal gnädig mit euch sein. Aber nur, wenn ihr mir versprecht, die kleine Tanne in Ruhe zu lassen und euer Futterkünftig außerhalb des Wurzelreiches zu suchen!“ „Wir versprechen es“, tönte es aus allen Winkeln der Höhle.

Nun sah die Tannenfee noch öfter nach ihrem Bäumchen, um zu sehen, ob die Mäuse ihr Versprechen auch hielten. Voller Freude sah sie, wie die kleine Tanne Jahr für Jahr ein wenig wuchs. Bald schon war sie eine stolze Tanne geworden.

Wieder hatte der Winter Einzug gehalten. Schnee bedeckte die Bäume, die Natur hielt ihren Winterschlaf. Plötzlich erschütterten Stiefeltritte den Waldboden, Schnee rieselte von den Ästen. „Der Baum, Vati, der soll es sein!“, erscholl die Stimme des kleinen Peter. „Ja, schön sieht er aus, die Zweige sind gut gewachsen und der Stamm ist auch gerade“, antwortete der Vater. Er sah sich noch einige andere Bäume an, dann holte er die Axt und die Säge aus dem Rucksack und rückte der kleinen Tanne zu Leibe. Oh, wie seltsam wurde der Tanne zumute. Gerade in diesem Moment kam die Tannenfee vorbei.  Sie stellte sich ganz nahe an ihr Bäumchen und redete ein letztes Mal mit ihm. „Sei nicht bange“, tröstete sie, „du wirst ein Wunder sehen. Nicht alle Tannen haben die Ehre ein Weihnachtsbaum zu werden. Du wirst in hellem Glanz erstrahlen. Ich wünsche dir alles Gute zu deiner Reise.“ Noch einmal sah die kleine Tanne zur Fee hinüber, sie wollte ihr noch sagen, daß sie viel lieber hier im Walde bliebe, aber es war zu spät. Die Säge und die Axt hatten ihr Werk getan, die Tanne fiel in den Schnee.

Peters Vater schnürte sie zusammen, legte das Werkzeug in den Rucksack zurück und trat mit seinem Jungen den Heimweg an.

Zu Hause angekommen schüttelte er den restlichen Schnee von der Tanne und löste den Strick. Dann stellte er sie in den Schuppen. Traurig träumte sie von ihrer Zeit im Wald und von der Tannenfee. Lange blieb ihr jedoch keine Zeit für ihren Kummer, der Vater kam und schraubte etwas an den Stamm. Nun fühlte sich die Tanne schon viel wohler. Jetzt konnte sie wieder stehen, stolz reckte sie sich in die Höhe. „Bist ein schöner Christbaum“, lobte der Vater lächelnd, hob ihn auf und trug ihn in die Stube. Hell und warm war es hier, im Gegensatz zum Wald. Die kleine Tanne fühlte sich, als sei der Sommer zurückgekehrt. Nun wurden Strohsterne und Goldpapiernetze in ihre Zweige gehangen, die Krönung bildeten gelbe Bienenwachskerzen. „Oh, welch ein Duft, welche Wärme! Da hat die Fee mir nicht zu viel versprochen“, dachte das Bäumchen und fiel in einen süßen Traum.

Die Mäuse blieben in ihrem Bau, zwischen den Wurzeln der kleinen Tanne wohnen und dachten noch lange an sie, selbst als die Wurzeln den Saft verloren hatten und ausgetrocknet waren.  (c) Christina Telker                     

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