Schneeballschlacht

 

Frau Holle meinte es gut in diesem Winter. Dicht bedeckte der Schnee in seiner weißen Pracht die Erde. Die Kinder jubelten und holten ihre Skier und Schlitten heraus. Einige hatten jedoch auch Freu-de an einer Schneeballschlacht oder maßen ihre Kräfte im Schneeball Weitwurf. So auch Pit, Klaus und Tony.

„Du schaffst es sowieso nicht“, meinte Klaus und grinste dabei Tony an. „Triffst doch nicht mal den dicken Baum dort.“ „Mußt ihn nicht immer ärgern“, verteidigte Pit seinen jüngeren Bruder. Jeder der Jungen hatte vor sich einen Berg von zehn Schneebällen aufgetürmt. Der Reihe nach begannen sie nun zu werfen, ganz genau die Bälle des anderen beobachtend. „Hab ich´s nicht gesagt? Nicht einmal den dicken Baum trifft er! Sieh mal wie weit meine Bälle fliegen.“ Wandte sich Klaus schon wieder an Tony. Tapfer kämpfte Tony seine Tränen herunter. „Der nächste wird weiterfliegen als deiner“, gab er zurück. „Das ich nicht lache.“ Klaus ließ ein höhnisches Lachen hören. Tony gab sein bestes und warf. Doch was war das? Der Ball flog und flog. Er glänzte wie pures Gold in der Sonne, als er sich am Ende des Zenits der Erde zuneigte. Mit offenem Mund schauten sich alle drei Jungen staunend an. Klaus fing sich zuerst. „Was war das? Habt ihr das auch gesehen?“ Die beiden Brüder sahen sich schweigend an. „Kommt, wir wollen der Sache auf den Grund gehen! Einen goldenen Schneeball, das gibt´s doch gar nicht. Das schien nur so im Licht der Sonne!“ Klaus gab seinen stummen Freunden einen Stups in die Seite. „Du hast recht, wir wollen sehen, ob wir den Ball finden“, meinte jetzt auch Pit. „Das ist aber ziemlich weit. Mutti wird uns gleich zum Abendessen rufen, es fängt schon an zu dunkeln“, gab Tony zu bedenken. Er hatte keine Lust so weit zu laufen. „Du bist ein richtiger Hasenfuß! Erst wirfst du den Ball so weit daß ihn keiner mehr sieht und dann willst du nicht beim Suchen helfen.“ Klaus wurde richtig wütend auf den Kleinen. „Nun komm schon“, forderte er den Jüngeren auf. Alle drei Jungen liefen jetzt in die Richtung, in die Tony den Ball geworfen hatte. Manchmal meinten sie schon ihr Ziel erreicht zu haben, merkten dann aber immer wieder, daß sie noch längst nicht weit genug gelaufen waren. Als Ziel hatten sie sich einen Baum gewählt, den sie weit in der Ferne sahen. Plötzlich rief Tony: „Dort, dort, schaut mal!“ Tatsächlich lag dort eine goldene Kugel, so groß wie ein Schneeball. Die Kinder waren so aufgeregt, daß sie erst einmal nur die Kugel ansahen. Nur Tony konnte es kaum noch erwarten und rannte zu seinem „Schneeball“, um ihn aufzuheben. ‚Wie wird sich Mutti freuen‘, dachte er gerade noch, als er wie von fremder Hand gezogen wurde und in der Erde verschwand.

Dort wo der goldene Schneeball gelegen hatte, war Tony in ein tiefes Loch gerutscht. Sofort stürmten ihm beiden Jungen nach, um zu helfen. Hilflos standen sie vor der Grube, die sich vor ihnen auftat.  Von Tony war nichts mehr zu sehen, wie sehr sie auch schauten, nur noch gähnende Tiefe. „Wir müssen Hilfe holen“, riefen beide Jungen zugleich und stürmten los.

Als sie wenig später mit Eltern und Freunden die Stelle erreichten, war nirgends ein Erdloch zu entdecken. Still und unberührt breitete sich eine dicke Schneedecke vor ihnen aus. Immer wieder forderten die Eltern die beiden Buben auf, doch besser nachzudenken. Es müsse doch woanders gewesen sein, da hier weit und breit keine Spuren zu finden seien. Unverrichteter Dinge mußten sie ohne Tony nach Hause zurückkehren.

Schnell verbreitete sich die Kunde von Tony`s seltsamen Verschwindens im Ort. So erfuhr auch Oma Berta davon. Eine fast hundert jährige Frau des Dorfes. „Früher, so erzählte man sich, haben sich die Kobolde alle hundert Jahre in der Weihnachtszeit ein Menschenkind geholt“, erzählte sie nun allen, die sie traf.  So recht glaubte keiner an Oma Berta`s Geschichte und doch verbreitete sie sich wie ein Lauffeuer. Pit konnte an diesem Abend nicht schlafen. Immer mußte er an seinen Bruder denken. Er hatte nur einen Wunsch, daß Tony zur Tür hereinkommen würde.

Tony kam es vor, als ob er aus einem Traum erwache, als er etwas unsanft im Reich der Kobolde landete. „Wo bin ich?“, war seine Frage, in die völlige Dunkelheit hinein. Nur aus weiter Ferne schimmerte ein winziges Licht.  „Bei uns im Reich der Kobolde“, lachte eine Stimme, daß es sich anhörte wie das blecherne scheppern von Kochtöpfen. Erschrocken sah sich Tony um. „Alle hundert Jahre dürfen wir uns einen Menschen holen, das ist Koboldgesetz. Die hundert Jahre sind heute um. So holten wir dich“, erklang die Stimme aufs Neue. „Und wann kann ich nach Hause?“, fragte Tony und nahm allen Mut zusammen. „Nach Hause? Hi, hi, hi, hier ist jetzt dein Zuhause. Du brauchst hundert Jahre um dich in einen Kobold zu verwandeln. Früher waren wir alle einmal Menschen.“ „Ich will aber kein Kobold werden!“, schrie der Junge jetzt und begann zu weinen. „Glaubst du denn, wir wollten? Auch du wirst dich daran gewöhnen. Kommt erst einmal die Nacht, geht hier ein munteres Treiben los.“ Tony sagte jetzt gar nichts mehr, sondern grübelte, wie er wieder entkommen könnte. Als später die Nacht anbrach, fingen im Koboldreich die Gnome an zu erwachen. Es kam Leben in das unterirdische Reich. Es duftete nach den köstlichsten Speisen. Musik, Tanz und Spiel füllten den Raum. Tony beobachtete seine Umgebung genau. ‚Irgendwo muß es doch ein Schlupfloch geben‘, dachte er. Ihm kam es vor, als ob sich die Nacht endlos in die Länge zog. Endlich begann der Morgen zu grauen. Das Treiben in der Höhle verstummte. Die Gnome legten sich zur Ruhe. Nur Tony war immer noch damit beschäftigt einen Ausweg zu suchen.  Als absolute Ruhe herrschte, hörte Tony ein zartes Stimmchen. Ihm war, als ob es seinen Namen rief. Er sah sich um, um herauszufinden, woher die Stimme kam. „Hierher Tony, ich rede mit dir“, hörte er jetzt die Stimme und sah doch keinen. Plötzlich entdeckte er in einer finsteren Ecke eine Spinne. „Hast du mich gerufen?“, fragte er sie. „Ja, das war ich. Ich möchte dir helfen. Bisher hatten alle Menschen in der ersten Nacht den Wunsch auf die Erde zurückzukehren vergessen. Tanz und Spiel, sowie gute Speisen waren ihnen wichtiger. Du jedoch hast nichts angerührt, hast dich nicht beeindrucken lassen. Du hattest nur ein Ziel vor Augen, wieder zu entkommen. Darum will ich dir helfen.        

 In vielen Jahren habe ich einen festen Vorhang gewebt und das einzige Loch in die Freiheit damit zugestopft. Für dich bin ich bereit es zu öffnen.“ Tony starrte sprachlos vor Glück auf die Spinne. „Nun beeil dich aber!“, mahnte sie den Jungen. „Nur kurz nach Sonnenaufgang herrscht absolute Ruhe im Land der Kobolde. Schon bald werden die ersten erwachen und die Flucht verhindern. „Lauf so schnell du kannst und komm gut nach Hause!“, rief die Spinne und gab den Ausgang frei.  Der Junge hörte es jedoch nicht mehr. Er rannte und rannte bis er das Elternhaus erreichte.

Dort begann gerade der Weihnachtsmorgen zu dämmern. Als Tony die Küche betrat, weinte seine Mutter vor Freude und schloß ihn in die Arme. „Wo warst du nur Junge?“ „Ich hatte mich verlaufen“, gab Tony zur Antwort. „Sie verstehen es doch nicht, wenn ich die Wahrheit sage“, dachte er bei sich und sank müde in sein Bett. (c) Christina Telker

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