Der Weihnachtsmann fährt Dampflok

 

„Wann kommt der Weihnachtsmann?“, so löcherten die beiden Geschwister schon seit dem frühen Morgen ihre Eltern. Immer wieder erhielten sie die gleiche Antwort: „Nach dem Kaffeetrinken.“  Die Eltern bezogen ihre Kinder in die Vorbereitungen mit ein. Der Vater stellte mit Jörg den Tannenbaum auf, zu dritt schmückten sie ihn. Mutti und Ines bauten die Krippe auf. Jedes Jahr im Herbst brachten sie das Moos für die Krippe von einem ihrer Waldspaziergänge mit. Auch etwas Borke, die sie auf ihren Wanderungen fanden, sammelten sie für die Krippe. Die Familie liebte ihre Weihnachtskrippe und überlegte das ganze Jahr über, wie sie noch zu erweitern sei. Das Besondere an dieser Krippe war, daß die Familie sie selbst gefertigt hatte. Vor ein paar Jahren hatten sie damit begonnen. Jedes Jahr zum ersten Advent saßen sie beisammen und fertigten Krippenfiguren aus Ton, die nach dem Trocknen bemalt wurden.  Jeder fertigte eine Figur an. So hatte sich im Laufe der Jahre eine recht große Zahl von Figuren angesammelt und die Krippe veränderte in jedem Jahr etwas ihr Aussehen.

Mittlerweile war es Mittag geworden. „Nach dem Essen unternehmen wir einen ausgiebigen Spaziergang“, kündigte der Vater an. Er wußte wie er seine Kinder begeistern konnte, um die Wartezeit zu verkürzen. Die Mutter blieb daheim, um die letzten Vorbereitungen fürs Fest zu treffen. Kurz vor dem Kaffeetrinken kehrten die Drei nach Hause zurück. Viel hatten die Kinder von ihren Beobachtungen im Wald zu berichten. Die Spurensuche im Schnee war immer besonders spannend. Nach der frischen Waldluft schmeckten die lecker duftenden Plätzchen besonders gut. Jetzt war die Spannung bereits bis zum Zerreißen gestiegen. „Wo bleibt nur der Weihnachtsmann?“, konnte Ines ihre erneute Frage nicht mehr unterdrücken.

Ja wo blieb er nur? Der Weihnachtsmann war mit seinem schwer beladenen Schlitten aus dem Weihnachtsland unterwegs zu den Kindern in die Dörfer und Städte.  Schon waren die ersten Häuser des letzten Dorfes in weiter Ferne in Sicht, als es plötzlich krachte und eine Kufe des Schlittens brach. Oh, weh, wie sollte es nun weitergehen? Der Weihnachtsmann spannte die Rentiere aus und besah sich den Schaden. ‚Wie soll ich nur mit den ganzen Geschenken zu den Kindern kommen?‘, überlegte er. In dem Moment hörte er neben sich eine Stimme: „Versuch`s doch mal mit mir!“ ‚Wer hatte denn da gesprochen?‘, der Weihnachtsmann sah sich um, konnte jedoch niemanden entdecken. Wieder ertönte dieselbe Aufforderung. „Wer spricht denn da?“, wollte jetzt der Weihnachtsmann wissen. „Ich bin es, die alte Dampflok. In meinem Bauch ist noch genug Kohle und die Schienen sind auch noch da. Ansonsten ist die Strecke gesperrt, wir haben keinen Gegenverkehr. Also was überlegst Du noch? Heize mich an und die Fahrt kann losgehen. So kommen wir direkt nach Schönstein zu den Kindern.“ Jetzt erst entdeckte der gute alte dicht neben dem Waldweg einen alten, offenstehenden Lokschuppen. Er ging hin und besah sich die Sache. „Keine schlechte Idee“, bedankte sich der Weihnachtsmann nun bei der alten Lok.  Schnell lud er die Geschenke in den einzigen Wagen, den die Lok noch mit sich führte und los ging die Fahrt. Den Rentieren hatte er Futter aus dem Proviantsack gegeben und so warten sie, bis er wieder zurück war von seiner Fahrt.

Längst warteten die Kinder voller Ungeduld auf ihre Geschenke, da der Weihnachtsmann nicht kam, drückten sie sich ihre Nasen an den Fensterscheiben platt und so entging ihnen nicht, daß aus der Dunkelheit die Lichter einer Lokomotive auftauchten. Schon ertönte weit hin hörbar ein Pfiff der alten Dampfmaschine. „Bei uns eine Dampflok, wo doch kein Zug mehr fährt?“ In allen Häusern wurden die Fester aufgerissen, um sich zu vergewissern, daß sie richtig gehört hatten. Dann schlüpften alle in ihre Wintermäntel und rannten voller Neugier vors Haus. Die alte Lok hielt mitten im Dorf und ihr entstieg der Weihnachtsmann. Da bereits alle Kinder angelockt durch den Trubel um die alte Bahn herumstanden, verteilte der Weihnachtsmann gleich hier die Geschenke. Das gab einen Jubel ganz besonderer Art. Eine Weihnachtsfeier im Schnee für das ganze Dorf. Nach der Bescherung brachte die brave Lok den Weihnachtsmann wieder zu seinen Rentieren. Nach einiger Zeit, hatte der Dorfschmied, der mitgefahren war, den Schlitten repariert und die Fahrt ging mit dem Schlitten ins Weihnachtsland zurück. Den Weg kannten die Rentiere im Schlaf.

„Das war das schönste Weihnachtsfest!“, jubelten die Kinder des Dorfes noch nach Jahren. Immer zum Weihnachtsfest dachten sie an diese außergewöhnliche Bescherung. Die Eltern nahmen sich vor, die alte Lok wiederherzurichten und eine Strecke für eine Kinderbahn zu erstellen.

© Christina Telker

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