Die Weihnachtskarte

 

Susanne warf einen letzten Blick in den Spiegel, um ihr Aussehen zu prüfen. Jetzt noch schnell zum Briefkasten und dann würde es Zeit werden, sich für die Abreise fertigzumachen. Ein Blick in die Handtasche bestätigte ihr, daß sie alle nötigen Papiere bei sich hatte. In diesem Jahr wollte sie das bevorstehende Fest ganz allein in einer Berghütte verbringen. Die Skier für eine ausgedehnte Wanderung, zu der sie sich langfristig angemeldet hatte, waren bereits im Urlaubsort angekommen. Noch ein Blick in den Briefkasten, ob sich etwa ein Werbeprospekt verirrt hatte und dafür sorgen, daß dieser über die Zeit ihrer Abwesenheit leer blieb.

Doch was war das? Sicher hatte der Postbote sich geirrt, als er den Brief bei ihr einwarf. Kein Wunder bei der vielen Post vor dem Fest. Doch als die junge Frau den Brief näher betrachtete, sah sie, daß es kein Irrtum war, die Adresse trug eindeutig ihren Namen. Wer sollte ihr denn schreiben? Sie hatte doch allen Bescheid gegeben, daß sie in diesem Jahr nicht erreichbar sei. Nun trieb sie allerdings doch die Neugier. So öffnete sie den Brief und entnahm ihm eine romantische Weihnachtskarte mit bezaubernder Schneelandschaft, genau passend zu dem was sie sich für die nächsten Tage erträumte. Diese Karte war von ihrer alten Schulfreundin Greta. Jahrelang hatten sie nichts voneinander gehört, so wunderte sich Susanne nicht wenig. Greta schrieb ausführlich, wie alleine sie sich fühlte seit dem Tode ihrer Mutter im Herbst. Lange hatte sie diese gepflegt. Greta schrieb, wie sehr ihr die Mutter fehlen würde und das ihr vor diesem Weihnachtsfest regelrecht graute. Als Susanne die Karte gelesen hatte, war ihr die Freude am Urlaub vergangen. Warum mußte sie auch gerade heute so penibel den Briefkasten leeren? Es hätte doch genügt, wenn sie bei ihrer Rückkehr wieder hineingeschaut hätte.

In Gedanken versunken zog sie sich an, nahm ihren Koffer und bestellte sich ein Taxi, daß sie zum Bahnhof fahren würde. Sie kam einfach von dem Brief nicht los. Bis heute hatte es ihr nichts ausgemacht den Eltern mitzuteilen, daß sie in diesem Jahr nicht nach Hause käme. Warum sollte sie nicht auch einmal nur an sich denken. Sie hatte das Gerede über die alltäglichen Dinge des Lebens satt, ganz besonders über die Krankheiten der Eltern. Sie wollte von all dem nichts wissen. Sie wollte auch keine Geschenke. Ja, am liebsten wollte sie sich ganz abseilen und nur noch ihre Ruhe haben. Nun kam dieser Brief, der alles wieder aufwühlte.

Gerade fuhr ihr Zug im Bahnhof ein. Wieder zehn Minuten Verspätung. Hoffentlich würde sie ihren Anschlußzug noch erreichen. Immerhin hatte sie extra einen Platz in der 1. Klasse gebucht, um den Urlaub bereits auf der Fahrt beginnen zu lassen. Und nun? Ihre Gedanken lösten sich nicht von der gerade erhaltenen Karte. War das der Sinn von Gretas Karte, sie wieder an die wichtigen Dinge des Lebens und des Weihnachtsfestes zu erinnern? Im nächsten Moment verwarf sie diesen Gedanken aber auch bereits wieder. Woher sollte Greta ihre Situation überhaupt kennen, sicher war sie der Meinung, ihre alte Schulfreundin würde das Fest im Kreise ihrer Familie genießen und sie wollte sich nur ihren eigenen Kummer von der Seele schreiben, jetzt so alleine dazustehen. Susanne sah in ihre Handtasche und holte den Brief heraus. Wo lebte Grete eigentlich jetzt? Immerhin würde es sich ja so gehören, ihr nach dem Fest zu antworten. Immer näher kam der Zug dem Bahnhof, auf dem Susanne umsteigen mußte. Er hatte einige Minuten der Verspätung aufgeholt, so konnte die junge Frau ihren Anschluß gerade noch erreichen. Als ihr Zug hielt, wurde bereits die Einfahrt ihres Anschlußzuges durch den Lautsprecher angekündigt.  Doch in dem Moment als Susanne den Bahnsteig betrat, stand für sie fest, sie würde ihren Reiseplan ändern. Sie ging zum Fahrkartenschalter und löste sich eine Fahrkarte nach Wiesenburg, dem Wohnort Gretas. Sie würde diese überraschen, damit sie nicht allein sei über die Feiertage. Noch vom Zug aus, in dem sie nur mühsam noch einen Sitzplatz bekam, rief sie im Hotel an und sagte ihren Winterurlaub ab. Den Rücktransport der Skier würde sie später, nach den Feiertagen organisieren.

Greta traute ihren Augen nicht als Susanne so unverhofft vor ihr stand. Viel hatten sich die beiden Frauen nach so langer Zeit zu erzählen. Zum Ende des Abends stand für beide fest, sie würden, morgen, am Heiligabend gemeinsam zu Susannes Eltern fahren. „Eltern hast du nur einmal“, hatte Greta ihr klargemacht. „Gehst du jetzt deinen Weg, wirst du es später bereuen.“ Noch am Abend buchten sie ein Zimmer im Hotel, nicht weit von Susannes Eltern entfernt, denn immerhin kamen sie unangemeldet und wollten keine Umstände machen. Es sollte in schönes Weihnachtsfest für alle Beteiligten werden.

Als am Heiligabend zur Kaffeezeit die Türglocke bei Susannes Eltern Besuch ankündigte, waren diese mehr als verwundert über den unverhofften Besuch. Gemeinsam gingen sie am Abend zur Kirche und nahmen das Wort der Weihnacht in sich auf. Gottes Liebe kam in die Welt, damit wir Liebe weitergeben.

Als Susanne zu Beginn des neuen Jahres gemeinsam mit Greta die Heimreise antrat, bereute sie keine Stunde, der letzten Tage. So schön war noch nie eine Weihnachtszeit, dachte sie bei sich. Kein Urlaub in einer Skihütte hätte mich hierfür entschädigen können. Die beiden Freundinnen blieben von nun an in Verbindung. Künftige Weihnachtsfeste verbrachten sie stets gemeinsam bei Susannes Eltern. Die Familie war von nun an auch für Susanne wichtig geworden und das verdankte sie ihrer alten Schulfreundin und ihrer Weihnachtskarte. (c) Christina Telker

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