Der unscheinbare Engel

 

Die dunklen Fenster des Ortes begannen sich zu schmücken. Ja, fast konkurrierten sie untereinander, welches von ihnen wohl das Schönste sei. Grund dafür war die bevorstehende Adventszeit. Lichterbögen Fensterbilder, kunstvoll von Meisterhand geschnitzt, sahen fast majestätisch auf die vor sich hin flimmernden Plastiksterne hinunter. Keiner konnte es mit ihrer Schönheit  aufnehmen, meinten sie. Eins hatte jedoch alle gemeinsam, sie strahlten ihr Licht in die Dunkelheit hinaus. Bis auf eine Ausnahme und das war ein Engel, der Jahr für Jahr seinen Dienst auf dem Balkon einer Mietwohnung im dritten Stock eines Mehrfamilienhauses versah. Ursus, der schneeweiß gekleidete Engel mit einem langen Gewand, maß etwas vierzig Zentimeter und war damit schon ein rechtes Prachtexemplar seiner Gattung, unter den allbekannten Weihnachtsengeln. Dora, eine alte Dame, hatte ihn bereits von ihrer Großmutter übernommen. Sie war sozusagen mit ihm alt geworden, mit dem kleinen Unterschied, dass Engel nie altern im Gegensatz zu uns Menschen. Ursu wurde von keinem Licht angestrahlt, er stand ganz schlicht und einfach da und sah auf die Stadt hinunter, mit ihrem pulsierenden Leben. Viel hatte er schon gesehen und erlebt, in seinem langen Erdendasein. Die Zeit der Postkutschen, die Zeit als die Menschen begannen sich mit eigener Kraft auf Zweirädern fortzubewegen, dann kam die Zeit der Automobile. Ursus hatte all miterlebt, denn er wurde von Generation zu Generation weiter vererbt.

Manch einer sah ihn, wenn er am Haus vorüberging und freute sich über ihn. Vor allem Kinder, sie waren zu jeder Zeit von ihm angetan. Was aber keiner ahnte, Ursus besaß die Gabe, in das Leben der Vorübergehenden einzugreifen, wenn er es für nötig hielt. So hatte er schon manchem Kind beigestanden. Hierzu verließ er seinen Platz auf dem Balkon und schwebte wie eine kleine Schneewolke, die kein Mensch so recht wahrnahm hinunter zum Geschehen. Er half Kindern, die sich einsam fühlten, um ihnen Mut zu machen. Er sandte einen Strahl der Hoffnung in Herzen von Menschen die verzweifelt waren. Ursus hatte ein besonderes Gespür dafür wo Hilfe gebraucht wurde.

Eines Tages, es war Mitte Januar und die Weihnachtszeit wieder einmal vorüber, holte Dora ihren Engel vom Balkon und verpackte ihn wie gewohnt in seine Schachtel in der er den Sommer verbrachte. „In diesem Jahr müssen wir umziehen“, sagte sie, als sie den Engel behutsam in Seidenpapier einschlug, damit er keinen Schaden nähme. ‚Ich darf zwar nur das Wichtigste mit ins Altenheim bringen‘, dachte sie bei sich, ‚den Engel werde ich auf alle Fälle mitnehmen. Er ist für mich das Wichtigste.‘ Von dem Umzug bekam Ursus nichts mit, er verschlief ihn sozusagen in seinem ‚Sommerquartier‘. Als Dora ihn vor Beginn der Adventszeit aus dem Schlaf erwachte, war er schon enttäuscht, nicht mehr die lebhafte Straße mit all den Vorübereilenden unter sich zu haben. Auf einem schmalen Fensterbrett war nun sein Standort. Nach ein paar Tagen, hatte sich Ursus jedoch an seine neue Umgebung gewöhnt. Jeder der Vorüberkam sah ihn bewundernd an. Einen Engel in der Weihnachtszeit hatte es hier noch nie gegeben. Auch seine Fähigkeit, in die Seelen der Menschen zu schauen, hatte sich Ursus erhalten. Wieder griff er, wie gewohnt helfend ein. Schon bald wunderte man sich über die positive Stimmung im Heim, die in diesem Jahr viel angenehmer war als zuvor. Auch als Dora eines Tages die Augen schloss und von einem himmlischen Boten in ein anderes Reich geholt wurde, stand Ursus nach wie vor  im Altenheim zur Weihnachtszeit auf einem Fensterbrett. Die Schwestern hatten sich seiner angenommen zur Freude aller Bewohner.

© Christina Telker

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