Der abendliche Gast

 

Gerade war Charlotte dabei ihre Weihnachtsdekoration durchzusehen, die sie vom Boden geholt hatte. Auch wenn sie schon lange alleine war, liebte sie die Gemütlichkeit und vor allem die Adventszeit. Es waren ganz besondere Momenten, wenn sie in der Woche vor dem ersten Advent, die wohl sortierten Kartons vom Boden holte, um zu überlegen, wie sie in diesem Jahr ihre kleine Wohnung gestalten würde. Wie viele Erinnerungen hingen an einem jeden dieser Gegenstände. Ob es nun der Leuchter mit den vier Engeln war, den sie zu ihrem zehnten Hochzeitstag, der immer kurz vor dem ersten Advent lag, von ihrem Mann geschenkt bekam. Oder diese kleinen Kurrende Sänger, die noch aus ihrer Kindheit stammten und an die Eltern erinnerten. An diesen kleinen Sängern musste schon in so manchem Jahr das eine oder andere ausgebessert werden, aber umso mehr liebte sie diese Figuren, sie durften nie fehlen.

Plötzlich wurde sie, mitten in ihre Gedanken hinein, von einem Geräusch gestört, das vom Fenster kam. Neugierig geworden trat sie näher heran und entdeckte einen kleinen Vogel, der an ihre Fensterscheiben pickte. „Na du bist ja ein lustiger Geselle“, redete die alte Frau den kleinen Gast vor dem Fenster an. „Du bist es nicht gewöhnt draußen zu schlafen. Wie ich sehe bist du ein Wellensittich. Pass auf, ich mache jetzt ganz behutsam das Fenster auf und dann kannst du reinkommen.“ Als ob der kleine Gast die Frau verstanden hatte, blieb er auf dem Fensterbrett sitzen und beobachtete die Angelegenheit. Als das Fenster offen stand, trat Charlotte zurück und gab die Flugbahn frei. Eigentlich hatte sie erwartet, dass der kleine Vogel schnell das Weite suchen würde, aber das Gegenteil war der Fall, er flog tatsächlich durch das geöffnete Fenster ins Zimmer, als ob er erkannt hätte, dass es seine einzige Überlebenschance sei bei dem Wetter. Sofort schloss die alte Dame behutsam das Fenster. „Na, das wird jetzt schwierig mit uns beiden“, redete sie wieder mit ihrem abendlichen Gast. „Ich habe weder einen Käfig für dich, noch Futter, das du sicher dringend brauchst.“ Schnell lief sie in die Küche um ihre letzten Hafenflocken zu holen. „Begeistert wirst du sicher nicht davon sein, aber im Moment habe ich nichts anderes“, redete sie ihren Gast an. Dann griff sie zum Telefon und rief ihren Enkel an, der nicht weit entfernt am Stadtrand wohnte. „Jonas stell dir vor, mir ist eben ein Wellensittich zugeflogen. Du hattest doch auch mal einen Vogel. Gibt es den Käfig noch, den du damals hattest?“ „Kein Problem, den gibt es noch. Ich komme gleich einmal vorbei und bringe ihn dir. Auf dem Weg gehe ich noch bei der  Zoohandlung vorbei und bringe dir Sand und Futter mit. Bis gleich.“ Schon hatte der junge Mann aufgelegt. „Na, da hast du aber Glück gehabt, gleich bekommst du einen Käfig und auch Futter“, redete Charlotte wieder mit ihrem gefiederten Freund. Für eine Weile hatte sie ganz ihr Werk vergessen, das sie begonnen hatte. ‚Das kann warten‘, dachte sie jetzt bei sich als sie die Kartons mit der Weihnachtsdekoration ordentlich aufeinander stellte. ‚Morgen ist auch noch ein Tag. Jetzt muss ich erst einmal einen Platz für deinen Käfig finden‘, überlegte die alte Dame.   

Da läutete auch bereits schon ihr Enkel an der Tür und stand mit allem gewünschten davor. „Wie hast du dir das eigentlich gedacht“, fragte er seine Großmutter. „Soll der Kleine jetzt hier einziehen?“ „Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Sicher wird der Kleine vermisst. Ich werde morgen eine Anzeige aufgeben.“ „Gib mir einfach Bescheid, wenn du Hilfe brauchst“, meinte Jonas, gab seiner Großmutter noch einen Kuss auf die Stirn und war auch schon wieder verschwunden. „Bis Sonntag“, rief er noch aus dem Treppenhaus. Nun richtete Charlotte den Käfig ein mit frischem Sand, Wasser und dem richtigen Futter, dann richtete sie für sich das Abendbrot. Es dauerte nicht lange und ‚Peterle‘, so nannte Charlotte ihren Gast, hatte sein neues Heim angenommen und begann zu trällern.

Abends, auf der Couch, überlegte sie wie sie wohl die Anzeige formulieren würde um auch nicht allzu viel von sich preiszugeben.

Bereits wenige Tage später erschien die Anzeige in der Zeitung. Auf einen Anruf wartete die alte Dame jedoch umsonst. „Keiner vermisst dich“, sprach sie ihren vierbeinigen Freund an. „Ist schon seltsam. Da du dich hier wohl fühlst, ist das aber kein Problem für uns beide. Du bleibst einfach hier.“ Als ob der kleine Freund die alte Dame verstanden hätte, antwortete er auf seine Weise.

Die Adventzeit schritt voran, das Weihnachtsfest war längst vorüber und auch das neue Jahr hielt noch so manches Unbekannte für alle bereit. Charlotte und Peterle hatten sich aneinander gewöhnt. „Wie schön, dass du zu mir kamst“, sagt sie oft morgens zur Begrüßung zu ihrem kleinen Gast, der schon längst keiner mehr ist.

Da plötzlich, es war bereits Mitte Januar,  läutete das Telefon und eine fremde Stimme sagte: „Sie haben eine Anzeige aufgegeben, dass ihnen ein Vogel zugeflogen sein. Ich las diese Anzeige erst heute. Gibt es Hansi noch?“ Am liebsten hätte die alte Dame gesagt: „Der Vogel, der wurde schon längst von seinem Besitzer abgeholt.“ Es fiel ihr schwer, die Wahrheit zu sagen, so sehr hing sie nun schon an Peterle, den der Mann am Telefon Hansi nannte. „Dann entschied sie sich und sagte: „Ja, Peterle geht es gut, er ist mir zur lieben Unterhaltung geworden.“ „Darf ich einmal vorbeikommen, damit wir uns unterhalten können und ich ihnen alles erklären kann?“ fragte der alte Herr höflich. „Warum eigentlich nicht“, sagte Charlotte nach einigem Zögern. „Wir sehen uns dann heute zum Kaffee.“ ‚Warum habe ich mir das angetan‘, fragte sich die alte Dame als sie den Hörer aufgelegt hatte. „Nun heißt es Abschied nehmen“, erzählte sie ihrem Peterle, der wie immer auf das Gespräch antwortete.

Mit bangem Herzen sah Charlotte dem Nachmittag entgegen. Pünktlich läutete es an ihrer Tür. Als der Vogel die Stimme seines Besitzers hörte, begann er sofort zu singen und war fröhlich wie noch nie. Es wurde ein fröhlicher Kaffeenachmittag mit vielen Gesprächen. Norbert, so hieß der alte Mann berichtete von seinem Krankenhausaufenthalt und darüber, dass er seiner Nachbarin den Schlüssel gegeben hatte um Hansi zu versorgen. Dann eines Tages hatte sie das Fenster und die Käfigtür in Gedanken gleichzeitig geöffnet. Natürlich war ihr das sehr peinlich und sie besorgte aus der Zoohandlung einen neuen Vogel und meinte ihr Nachbar würde es nicht bemerken, wenn er wieder heim kam. Natürlich konnte das nicht klappen. Wenn Norbert es ihr auch nicht sagte, er sah es am ersten Tag, dass dies nicht mehr sein Peterle war, das da auf der Stange saß. Eines Tages im Januar als er die alten Zeitungen durchsah, aus der Zeit seiner Abwesenheit, entdeckte er die Anzeige und wusste sofort, das konnte nur Hansi sein, von dem da die Rede war. ‚Nur gut, das er überlebt hat‘, freute er sich und nahm sich vor dort anzurufen. „Nun möchten sie bestimmt Peterle, ich meine Hansi“, verbesserte sich Charlotte, „wieder mitnehmen. Wir haben uns gerade so aneinander gewöhnt.“ „Nein, ich lasse Hansi, hier bei ihnen. Was sollte ich denn mit dem jetzigen Vogel machen, der in meiner Wohnung auf mich wartet?“, war die Antwort. Der alten Dame fiel ein Stein vom Herzen. Beim Abschied lud Norbert, Charlotte zum Gegenbesuch ein. Die beiden Alten verstanden sich bestens. Es gab ja so viel zu erzählen aus der Vergangenheit und endlich war da jemand der zuhörte. Als Charlotte wieder die Wohnung zum ersten Advent schmückte, war diese um einiges größer. Nicht nur zwei Vögel sangen jetzt in einem Käfig ihr Weihnachtslied, auch zwei Menschen freuten sich auf gemeinsame Jahre die noch vor ihnen lagen.

© ChTelker

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