Das Weihnachtslicht

 

Seit dem Herbst besuchte Jonas die Schule. Das Lernen fiel ihm leicht, so dass er sich schon immer auf die Schulstunden freute. Seine Lehrerin mochte er sehr. Man konnte über alles mit ihr reden. Mit Peter ging er bereits in den Kindergarten, so fiel auch der Kontakt zu den anderen Mitschülern recht leicht. Langsam rückte die Weihnachtszeit in die Nähe. Die Kinder sprachen schon oft über ihre Wunschzettel. Seit dem Martinsumzug konnten sie es kaum noch erwarten, das Weihnachten war. Die Geschäfte schmückten sich teilweise märchenhaft, so dass der Heimweg von der Schule meist etwas länger als gewöhnlich dauerte, musste man sich doch die schöne Dekoration täglich anschauen auf der Suche nach Neuem.

Es gab jedoch noch ein Fenster, auch wenn es nicht dekoriert war, das war das Fenster der alten Gertrud. Hier konnte der Junge einfach nicht vorbeigehen ohne kurz stehen zu bleiben. Wie oft war er in seinen ersten Kinderjahren hier eingekehrt. Die alte Gertrud, die er damals Mutsch nannte, hing dem Jungen am Herzen. Damals war sie seine Tagesmutter. Heute sah er sie selten am Fenster sitzen. Nur in den Abendstunden, um das Lampenlicht zu sparen, saß die Alte auf ihrem Stuhl am Fenster und beobachtete die vorübereilenden Menschen auf der Straße.

Zur ersten Schulstunde betrat Frau Ulrich, die Klassenlehrerin, die Klasse und fragte als erstes: „Wer kann mir sagen, welcher Sonntag gestern war?“ Einige Schüler sahen sich fragend an, bei den meisten schnellte jedoch der Finger in die Höhe. „Norbert, erzählt du uns, was dir zu dem gestrigen Tag einfällt“; forderte die Lehrerin auf. Der Junge erzählte vom ersten Advent, vom Gottesdienstbesuch und vom adventlichen Kaffeetrinken daheim mit dem Kranz, am dem die erste Kerze angezündet wurde. „Da hattest du aber einen schönen Sonntag“, freute sich die Lehrerin, „und wer bis jetzt nicht wusste, dass gestern der erste Advent war, der hat jetzt viel hinzu gelernt. Auch ich habe mir für euch eine Überraschung überlegt für die nächsten Wochen. Die erste Stunde am Montag in der Adventzeit gehört uns für eine besinnliche Zeit. Hierfür habe ich euch weihnachtliche Geschichten herausgesucht, die wir gemeinsam lesen werden.“ Ein Jubel brach in der Klasse aus. In dieser vorweihnachtlichen Zeit freuten sich die Kinder nun bereits am Freitag auf den Unterricht am Montag.

Am letzten Montag vor dem Fest schenkte die Lehrerin jedem Kind eine rote Kerze. „Mit dieser Kerze, hat es eine besondere Bewandtnis“, erklärte sie den Kindern. Diese Kerze ist ein Weihnachtslicht. Ihr wisst, das Weihnachtslicht strahlt aus der Krippe. Es bringt mit dem Licht des Kranzes und des Weihnachtsbaumes Freude in unsere Wohnungen und Herzen. Mit diesem Licht, das ich euch heute schenke, bitte ich euch ein Weihnachtslicht in die Welt zu tragen. Bereitet den Menschen damit eine Freude, von denen ihr meint, dass sie es am nötigsten brauchen. Wenn wir uns dann im neuen Jahr wiedersehen, erzählt ihr mir, ob es mit eurem Weihnachtslicht geklappt hat und wohin ihr Freude getragen habt.“ In der Klasse entstand ein Schweigen. Die Kinder überlegten, wem sie das Licht wohl schenken könnten. Die Lehrerin nutze die Stille und las ihre letzte Weihnachtsgeschichte in diesem Jahr den Kindern vor.

Als Jonas an diesem Tag in Gedanken versunken auf dem Heimweg war, kam er wie auch sonst am Haus von Mutsch vorüber. ‚Das ist es! ‘, kam ihm eine Erleuchtung. ‚Ihr werde ich mein Weihnachtslicht bringen. ‘  Gedacht, getan und schon läutete er an ihrer Wohnungstür. Wie staunte die alte Frau als sie ihren einstigen Pflegling vor sich stehen sah. „Jonas! Was für eine Freude!“ Gertrud schlug vor Freude die Hände zusammen. Wie sehr freute sie sich über diesen unverhofften Besuch. „Komm rein Jonas, ich mache uns schnell einen heißen Kakao!“ Gerne folgte der Junge der Aufforderung. Als er seine Jacke abgelegt hatte, überreichte er Gertrud die Weihnachtskerze und erzählte ihr was es damit für eine Bewandtnis hatte. Lange unterhielten sich die beiden, bis sie merkten, dass es Zeit wäre, und Jonas nach Hause gehen müsse.  Jetzt würde die Mutter von der Arbeit kommen und sie sollte sich nicht um ihren Jungen sorgen. „Komm in den Ferien doch noch mal vorbei“, lud Gertrud den Jungen ein, was dieser gerne versprach. Wie freute sich auch die Mutter als Jonas ihr von Gertrud erzählte. „Wie gut, dass du nun in den Ferien nicht alleine bist“, setzte die Mutter noch hinzu.

Nach den Feiertagen ging Jonas jeden Tag zu seiner Mutsch. Beide wurde die Zeit nie lang. Gertrud hatte das Weihnachtslicht aufgehoben und extra für Jonas Plätzchen gebacken, was sie schon lange nicht mehr tat. So brachte das Weihnachtslicht beiden eine frohe, besinnliche Zeit. Jonas freute sich schon darauf Frau Ulrich seine Geschichte zu erzählen.

© ChTelker

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