Der kleine Hirte

 

Gerade war dieses Leuchten am Himmel gewesen. Die Hirten sind noch ganz bewegt von der Botschaft, die sie eben vernahmen. Noch klingt sie in ihnen Ohren nach und sie wissen nicht so recht, war es ein Traum oder waren es wirklich Engel, die eben ihnen, den Geringsten, die Freudenbotschaft brachten?

‚Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen‘

Der Retter der Welt soll geboren sein in einem Stall in Bethlehem? Da ergreift, der Älteste unter ihnen die Führung: „Kommt laßt uns gehen und sehen, was die Engel uns verkündigten!“ Sofort sind alle bereit sich auf den Weg zu machen. „Unsere Hunde sind die Wache bei den Herden gewöhnt“, sagt der eine. „Wir werden ein Lamm als Gabe mitnehmen“, sagt ein anderer. Alle sind sich einig, sich auf den Weg zum Stall zu begeben, um mit eigenen Augen das Kind zu sehen, das dort geboren wurde.

„Du bleibst hier!“, entscheidet ein Hirte, an den Jüngsten gewandt. „Aber warum denn ich? Ich will auch das Kind sehen, von dem die Engel sprachen.“ Dem Hirtenjungen stehen die Tränen in den Augen. „Es ist besser so“, entscheiden die Männer und machen sich auf den Weg. Da hilft kein Widerspruch, weiß der Junge, sonst lernt er die Rute kennen. Er setzt sich unter einen alten Baum mitten unter die Schafe. Hier ist er geborgen und warm, denn die Nächte sind kalt.

Immer noch laufen Tränen über seine Wangen. ‚Da ist so ein einmaliges Ereignis, daß Engel zu ihnen kommen, um ihnen die Botschaft zu verkündigen und dann muß er bei der Herde bleiben, nur weil er zu klein ist‘, gehen seine Gedanken. Die Hände des Jungen greifen in das weiche, warme Fell des Schafes neben ihm, immer fester hält er sich an der Wolle. Plötzlich merkt er, daß die Wolle an seinen Fingern klebt. Es wird immer mehr Wolle, die er an den Fingern kleben hat. Der Junge versucht die Finger von den Wollfasern zu befreien und nach und nach kleben die Wollfasern aneinander und verfilzen. In Gedanken versunken, zupft er ein wenig aus der Unterwolle der Schafe, die rund um ihn sind. Es entsteht ein kleines Tuch, das immer größer wird, denn jetzt versucht der Junge bewußt, neue Wollfaser aus dem Fell der Schafe zu rupfen. Es gelingt ihm die Decke zu vergrößern. Recht ansehnlich ist sie schon geworden, als endlich, nach Stunden, die Hirten zurückkehren und von dem Kind in der Krippe erzählen. Schnell versteckt der Junge die Decke unter seinem Hemd.

Als die Hirten sich zur Ruhe begeben, macht er sich auf den Weg zur Krippe. Verfehlen kann er den Stall nicht, die Hirten sprachen immer wieder von dem Weg, den sie gegangen waren. Als er den Stall erreicht hat, schleicht er ganz leise hinein, um ja nicht zu stören. Behutsam legt er seine Decke auf die Krippe und deckt damit das Jesuskind zu. „Damit du nicht mehr frieren mußt“, sagt er im Flüsterton als er sein Werk betrachtet. Ein Lächeln des Kindes ist sein Dank.

Als die Hirten von einem kurzen aber festen Schlaf im Morgengrauen erwachen, ist der Hirtenjunge längst schon wieder bei ihnen. Es wird stets sein Geheimnis bleiben. Das Geheimnis der Heiligen Nacht. © Christina Telker

 

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