Im Tannenwald

 

Spät war der Winter in diesem Jahr aus dem Reich der Schneekönigin, im hohen Norden, zurück gekehrt in die heimischen Wälder. Längst warteten die Bäume auf die schützende Schneedecke, damit ihnen der Nordwind nicht so zusetzen konnte.

„Wenn der Schnee seine schützende Decke über uns legt, halten wir einen langen Winterschlaf, bis uns die warme Frühlingssonne wieder weckt“, erzählte die alte Tanne ihren Zapfenkindern, die noch an ihr hingen. „Einige von uns wurden bereits von den Menschen in ihre Stuben geholt. Dort werden sie golden angemalt und dürfen zum Weihnachtsfest, gemeinsam mit Glocken und Christbaumkugeln den Weihnachtsbaum zieren. Eine Weihnachtsglocke in ihren Zweigen läutet den Heiligenabend ein.  In ihren Zweigen werden Lichter angezündet und sie erleben den schönsten Traum, den eine Tanne nur erleben kann.“ „Solch einen Traum möchte ich auch erleben“, sagte der kleine Tannenzapfen, oben in der Spitze der alten Tanne, immer wieder, wenn er die Geschichten hörte. „Ich bin schon viel zu groß für einen Tannenbaum im Zimmer der Menschen“, meinte die alte Tanne, „wir können nur davon träumen und uns an dem erfreuen was die Vögel uns erzählen.“  Da es bereits Abend war, hatten die beiden jedoch einen weiteren Zuhörer, das war der gute, alte Mond. ‚Da muss ich mir etwas einfallen lassen‘, dachte er so bei sich, denn der kleine Tannenzapfen tat ihm leid. In der Nacht als alle Bäume längst schliefen, wanderte er noch einmal über den Tannenwald. Über der alten Tanne blieb er stehen und sandte seinen schönsten Silberstrahl zu dem kleinen Tannenzapfen. Als die Morgensonne ihr erstes Licht über den dunklen Tannen strahlen ließ, konnte es die alte Tanne kaum fassen: „Was ist mit dir passiert?“, fragte sie erschrocken den kleinen Tannenzapfen. Dieser sah nun an sich hinunter und bekam den Mund nicht mehr zu vor staunen. „Wer hat mir dies silberne Kleid geschenkt?“, fragte er und jubelte im Stillen. So schön wie er war kein anderer Zapfen im Wald, dass erkannte er sofort. Vor lauter Übermut tanzte er so lebhaft auf der Tannenspitze, dass er sich plötzlich vom Zweig löste und aus seinen luftigen Höhen hinab auf den Waldboden fiel. Fast hätte er vor lauter Schreck und Traurigkeit angefangen zu heulen, wenn, ja wenn, nicht gerade in diesem Moment der kleine Klaus mit seiner Mutter durch den Wald spaziert wäre.

„Mutti, Mutti, schau mal!“, jubelte der Junge und hielt den silbernen Tannenzapfen in die Höhe. „Der kommt an den Weihnachtsbaum“, rief er erfreut. Als der kleine Zapfen hörte, wie der Junge vom Weihnachtsbaum sprach, dachte er sofort an die Geschichte, die die alte Tanne immer erzählt hatte. ‚Jetzt beginnt mein Weihnachtsmärchen‘, freute sich der silberne Zapfen. Stolz und behutsam trug Klaus seinen Schatz nach Hause. Seit diesem Christfest war der kleine Silberzapfen, der schönste Schmuck der Weihnachtstanne. Klaus hütete seinen Fund so gut, dass viele Jahre später seine eigenen Kinder, jedes Jahr neu, die Geschichte von dem silbernen Tannenzapfen hören wollten, wenn sie gemeinsam den Baum schmückten.  (c) Christina Telker

Dies ist eine mit page4 erstellte kostenlose Webseite. Gestalte deine Eigene auf www.page4.com