Mehr Licht am Himmel

 

Wieder einmal nahte die Adventszeit. Vater Mond hatte wie in jedem Jahr seine Sterne zur großen himmlischen Versammlung gebeten. An diesem Tage herrschte stets besondere Aufregung am Nachthimmel. Was würde es Neues geben? Wer darf wohl in diesem Jahr der Weihnachtsstern sein und für diese eine Nacht eine besondere Leuchtkraft erhalten? Je näher die Zeit des Treffens rückte, um so lauter wurde das Wispern, das man es fast bis zur Erde hörte. Hier nahm man es jedoch nur, als ein leises Rauschen des Windes wahr. Als Vater Mond dann zu reden begann, herrschte himmlische Stille. Alles lauschte seinen Worten.

Als alle Ämter neu verteilt waren, wobei man hier und da zustimmend nickte und auch manches Murren vernahm, meldete sich ein kleiner Stern aus dem Hintergrund zu Wort. „Was gibt es?“, forderte Vatermond den Kleinen zum Sprechen auf. Etwas schüchtern begann der Kleine seine Rede: „Vater Mond, wir brauchen mehr Licht!“ Verdutzt sahen sich alle an. Was nahm sich dieser Neuling heraus? Seit Millionen von Jahren leuchteten die Sterne Nacht für Nacht am Himmel und waren mit ihrer Leuchtkraft ganz zufrieden. Nie wäre einer von ihnen auf die Idee gekommen mehr Licht zu fordern. In die bisherige Stille, kam Bewegung. Es wurde heftig diskutiert. „Kannst du deine Forderung begründen?“, erkundigte sich nun Vater Mond freundlich, wobei wieder Stille eintrat. „Von der Erde leuchtet uns mehr und mehr Licht entgegen“, setzte der kleine Stern seine Rede fort. „Jahr für Jahr wird es dort unten heller. Es gibt kaum noch Gegenden, in denen es nachts dunkel ist. So werden wir Sterne immer weniger wahrgenommen. Wenn das so weitergeht, wird uns in ein paar Jahrzehnten kein Mensch mehr sehen, geschweige denn von uns sprechen.“ Plötzlich vernahm man die Stimme des Weihnachtssterns, der vor über zweitausend Jahren über Bethlehem sein Licht ausstrahlte. „Auch mich würde man heute nicht mehr wahrnehmen, vermute ich, denn der Kleine hat recht. Es ist keine Freude mehr nachts auf die Erde zu schauen. Früher brauchten uns die Menschen, wenn sie des Nachts in der Dunkelheit unterwegs waren. Wir zeigten ihnen den Weg. So wie ich den drei Weisen und den Hirten den Weg zu Krippe zeigte. Die Menschen sahen in den Himmel, wenn sie sich nachts orientieren wollten. Das können sie heute nicht mehr, weil wir kaum noch wahrnehmbar sind.“ Alle hatten aufmerksam zugehört und nickten nun zustimmend. „Da ist viel Wahres dran“, antwortete jetzt Vater Mond. „Auch ich habe dies schon lange mit Bedauern festgestellt. Mir ist jedoch auch keine Lösung eingefallen.“ Schweigen breitete sich am Nachthimmel aus. Wie aus dem Nichts vernahmen alle plötzlich eine leise Stimme: „Ich könnte Frau Sonne fragen, ob sie euch Licht spendet. Sie hat soviel davon, daß die Menschen sich vor ihr schützen müssen. Ich könnte das Licht zu euch bringen. Am Tage treffe ich sie, wobei sie mir einen kleinen Teil ihrer Leuchtkraft übergeben könnte und des Nachts gebe ich dieses Licht an euch weiter.“ Alle sahen sich um, wer hatte da gerade mit ihnen gesprochen? Die Idee war nicht schlecht, aber wäre sie durchführbar? Nun wollte es Vater Mond jedoch auch wissen: „Wer bist du?“, fragte er in die Nacht hinein. „Ich bin die kleine Wolke, die jede Nacht an euch vorbei am Himmel ihre Bahn zieht.“ „Willkommen kleine Wolke“, sprach Vater Mond. „Deine Idee hört sich gut an, aber ob Frau Sonne einverstanden ist und ob dir der Transport gelingt, das müssen wir abwarten. Danke für deinen Vorschlag. Wir werden es versuchen“, entschied Vater Mond. Stolz machte sich die kleine Wolke auf den Weg zur Sonne. Sie hatte soeben eine Aufgabe erhalten, die keiner Wolke vor ihr jemals zuteil wurde.

Spannung und Freude herrschte unter den Sternen. Würde die Wolke es schaffen und in ein paar Jahren mit Licht gefüllt wieder bei ihnen einkehren? Es war eine schwere Aufgabe und ein weiter Weg, den sie zurückzulegen hatte. Da wir so lange nicht warten können, können wir nur jeden Abend in den Himmel sehen, ob die Sterne vielleicht irgendwann etwas heller leuchten. Entdecken wir einmal eine helleuchtende Wolke am Abendhimmel, dann wissen wir, daß sie gerade auf dem Weg zu den Sternen ist, um ihnen das Licht der Sonnen zu bringen. © Christina Telker

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