Ein Licht zur Weihnacht

 

Abgelegen in einem kleinen Dorf lebten einst zwei Kinder. In der Winterzeit pfiff hier der Wind ganz besonders scharf um die Ecken, da weit und breit keine Bäume waren, die diesen kleinen Häusern am Dorfrand, Schutz bieten konnten. So wuchsen Marie und Fritz ziemlich einsam auf. Die Eltern gingen bereits früh zur Arbeit aufs Feld, nur die Großmutter von Marie blieb daheim, um Haus und Hof zu versorgen. Auch Fritz war ein Einzelkind, nur das dort der Großvater die Obhut über Haus und Hof innehatte. In seiner Werkstatt fertigte er die schönsten geschmiedeten Gegenstände an, die er dann einmal im Monat in der Stadt auf dem Markt anbot. Fritz hatte Freude daran, dem Großvater bei seiner Arbeit zuzuschauen. ‚Wenn ich groß bin‘, nahm er sich oft vor, ‚möchte ich auch so schöne Dinge anfertigen wie mein Großvater‘.

Für die beiden Kinder war es fast, als wären sie Geschwister, wuchsen sie doch gemeinsam auf. Die Gärten beider Familien grenzten aneinander und waren durch eine Tür verbunden, so konnten die Kinder jederzeit zueinander, um miteinander zu spielen. Durch diese Freundschaft vermissten sie keine weiteren Spielkameraden, kannten sie es doch nicht anders. So verging Jahr um Jahr und die beiden Kinder freuten sich bereits auf die Schule, die im nächsten Jahr für sie beginnen würde. Nun stand jedoch erst einmal der Winter vor der Tür.

Welch ein Jubel, als die Beiden am Morgen aus dem Fenster sahen und eine weiße Schneedecke auf Garten und Hof entdeckten. So schnell waren sie selten angezogen. Nur mit Mühe konnte die Großmutter Marie am Frühstückstisch halten. Kaum hatte sie den letzten Bissen im Mund, rannte sie bereits in den Flur, um ihre warmen Sachen anzuziehen und in den Garten zu stürmen. Fritz kam gerade in diesem Moment auch aus dem Haus. Die Kinder jubelten und ließen sich vor Übermut in den Schnee fallen. Dann beschlossen sie einen Schneemann zu bauen. Endlich war der Winter eingezogen und ihm folgte in wenigen Tagen die Adventszeit, auf die sich beide Kinder besonders freuten. Sie konnten es kaum erwarten morgens die Adventskalender zu öffnen, um die kleinen Bildchen zu betrachten, zu denen Maries Oma ihnen jeden Morgen eine kleine Geschichte erzählte.

Da die Adventszeit auch bekanntlich die Zeit der kleinen Überraschungen ist. Saßen sie jetzt oft gemeinsam im Kinderzimmer von Fritz, um kleine Geschenke für ihre Eltern und Großeltern zu basteln. Gerade hatte der Großvater sie mit einer Bienenwabe überrascht, die sie nun mit Genuss auslutschten. So ein Stückchen Wabe war doch einfach etwas Wunderbares, stellten sie immer wieder fest. Um sich von ihren Bastelarbeiten nicht weiter abhalten zu lassen, legten sie die ausgelutschten Waben auf den kleinen Ofen in Fritz seinem Zimmer. Über ihren Arbeiten hatten sie die Waben bald vergessen. Erst als sie voller Stolz ihre Werke betrachteten, dachten sie wieder an ihre Waben und gingen zum Ofen, um sie wegzuräumen. Welch einen Schreck bekamen die Kinder, als sie sahen, dass sich auf dem Ofen eine zähflüssige Masse ihren Weg bahnte. „Was ist das?“ Fritz sah staunend auf den Ofen. Marie schaute ebenso verwundert, wagte jedoch die Massen mit dem Finger anzutippen. Nach wenigen Momenten verfestigte sich der kleine Wachsfilm an ihrem Finger. „Wenn es abkühlt, wird es fest“, stellte Marie, in Gedanken versunken fest. Die Kinder holten den Teller vom Tisch und schabten vorsichtig die Massen auf den Teller. Fritz sah etwas verlegen auf den Rest, der sich immer noch auf dem Ofen befand. „Wenn der Ofen in der Nacht auskühlt, kannst du morgen früh den Rest entfernen“, tröstete Marie ihren kleinen Freund. Sie konnte die Finger nicht von der Masse lassen, die sich nun auf dem Teller befand. Mit der Zeit verfestigte sich diese und Marie begann damit zu spielen, sie knetete damit herum und entdeckte, dass man hiermit Figuren formen kann. Als sie gerade eine Rolle daraus gefertigt hatte, stellte sie fest: „Sieh, das sieht doch fast aus wie eine Kerze!“ „Das stimmt“, bestätigte Fritz. „Nur der Docht fehlt noch“, stellte er fest. Wie ein Blitz schoss es den beiden Kindern durch den Kopf. „Das wird eine Kerze“, jubelten sie. Schnell holte Fritz einen Bindfaden aus seinem Schrank. Gemeinsam formten sie eine Weihnachtskerze. Doch wer sollte diese eine Kerze nun bekommen, überlegten die Kinder. Sie entschieden sich dann für den Großvater, dessen Bienenwabe ihnen diese Idee er gebracht hatte. Den Ofen säuberte Fritz am späten Abend, als er am Auskühlen war.

Wie staunte der Großvater über die Ideen der Kinder. Zukünftig fertigten sie jedes Jahr in der Adventszeit gemeinsam mit dem Großvater Bienenwachskerzen für beide Familien in der Werkstatt des Großvaters. An die erste Kerze dachten alle noch lange zurück.

© Christina Telker

 

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