Ein Haar vom Christkind

 

Leise fiel der Schnee vom Himmel. Vom Vollmond begleitet, schritt das Christkind, in der vor Frost klirrenden Nacht behutsam durch den Wald, einen schweren, voll beladenen Schlitten hinter sich her ziehend. Behutsam streifte es die Zweige der Tannen beiseite, möglichst keine Unruhe zu verursachen, um die Tiere des Waldes nicht zu erschrecken. Bei der alten, dicken Kiefer in mitten der Schonung angekommen, lud es die mitgebrachten Gaben vom Schlitten und legte sie appetitlich angeordnet, um den Stamm des Baumes aus. ‚Auch meine geliebten Tiere brauchen ein Christfest‘, dachte es bei sich. ‚Sie haben es schwer genug in  diesem kalten Winter. ‘ Als der Schlitten gänzlich geleert war, betrachtete das Christkind mit einem Lächeln sein Werk. ‚So jetzt könnt ihr kommen. Ich wünsche euch ein gesegnetes Christfest‘, dachte es und zog sich mit seinem Schlitten in die Schonung zurück. Von hieraus beobachtete es das Ganze noch eine Weile. Erfreute sich daran, als es sah, daß der erste Hase vorsichtig heran hoppelte und begann, die Möhre mit Genuß zu verspeisen. Als das Christkind sah, dass sich der ‚Gabenbaum‘ wohl nach und nach im Wald herumgesprochen hatte, zog es sich endgültig in die Schonung zurück.

Eng war der Weg zwischen den schwer mit Schnee beladen Tannen zurück. So geschah es wohl, dass das eine oder andere goldene Haar des Christkinds in den Zweigen hängen blieb. Bei Morgengrauen erschien der Förster, um ebenfalls seinen Tieren den Tisch zu decken, so sah er, dass bereits ein anderer vor ihm im Walde gewesen war. Nur wenige Reste erinnerten unter der alten Kiefer an das Festmahl. ‚Wer kann das nur gewesen sein‘, überlegte der Förster. Meinte er doch diesen Platz, unter der alten Kiefer, nur alleine zu kennen. Als er sich so umblickte und nach Spuren des nächtlichen Spenders suchte, entdeckte er plötzlich in manchen Zweigen der Tannen ein feines, zartes Glimmern. Im ersten Moment hielt er es für die Strahlen, der gerade aufgehenden, Sonne. Beim Nähertreten erkannte er jedoch schnell, dass dies ein Irrtum war. Behutsam nahm er einen dieser goldenen Fäden in die Hand, um ihn zu betrachten. ‚Das Christkind war hier‘, kam ihm plötzlich die Erkenntnis. Mit viel Vorsicht sammelte er die wenigen Haare des Christkinds von den Tannen der Schonung und nahm sie mit heim.

Als er am nächsten Morgen den Christbaum für seine kleine Tochter schmückte, hing er diese goldenen Haare in die Tanne. Welch ein Jauchzen erfüllte am Abend das Weihnachtszimmer als das kleine Mädchen die goldenen Fäden im Christbaum entdeckte. Auch die Frau des Försters war begeistert von diesem besonderen Schmuck ihres Baumes und so machte sie sich ihre eigenen Gedanken. Als im nächsten Jahr wieder der Baum geschmückt wurde, erbat sie sich einen Moment allein im Weihnachtszimmer zu sein, von ihrem Mann. Dieser wunderte sich zwar, aber ließ es mit einem Schmunzeln geschehen. Als sich am Abend zur Bescherung die Tür zum Weihnachtszimmer öffnete, glitzerte der Christbaum wie im Märchen. Jedes Stück Glanzpapier hatte die Mutter das Jahr über aufgehoben und in feinste Streifen geschnitten. Hiermit hatte sie nun den Baum geschmückt. Wie staunten an den Weihnachtsfeiertagen die Gäste, die bei der Försterfamilie einkehrten. Solch einen Baum wollten auch sie gerne haben. So hielt nach und nach das Lametta Einzug in die Weihnachtszimmer. Auch heute erfreuen wir uns noch daran.

© Christina Telker

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