Der Weg zur Krippe

 

Grau in Grau zeigte sich der Novemberhimmel, stürmisch rüttelte der Wind an den einfachen Fenstern des kleinen Hauses, am Waldrand. So hatte sich Tobias den Tag bei seiner Großmutter nicht vorgestellt. Was hatten sie beide alles geplant! Sie wollten einen Spaziergang zur Schonung unternehmen und sich schon mal einen Weihnachtsbaum aussuchen, auf dem Rückweg wollten sie Naturmaterialien sammeln, zum Basteln von Weihnachtsgeschenken. Die Großmutter hatte immer die besten Ideen. Kerzenständer, Wandbilder, Türkränze, so vieles gab es, auf daß der Junge sich gefreut hatte. Und nun, fiel alles buchstäblich ins Wasser. Selbst wenn der Regen irgendwann aufhören würde, könnte man durch die Nässe nicht in den Wald, da der Regen im nachhinein noch von den Bäumen tropfte. „Na mein Großer“, fragte in dem Moment die Großmutter, „hast du dir schon etwas überlegt, das wir anstatt unserer Wanderung unternehmen werden?“ „Fernsehen schauen?“, gab Tobias etwas mißgelaunt zur Antwort. „Da habe ich aber eine bessere Idee“, antwortete die alte Dame. Nun wurde Tobias hellhörig, auch wenn er sich schwer vorstellen könnte, was man mit diesem Tag in der Wohnung noch so anfangen könnte. „Als ich ein Kind war“, begann die Oma, „ging ich für mein Leben gern auf den Dachboden. Dort gab es so viele Schätze, so daß ich stundenlang hätte oben bleiben wollen. Leider durfte ich es nicht, sondern nur so lange, wie meine Mutter dort zu tun hatte.“ „Oh, ja!“, jubelte Tobias, „das wird toll.“ Nun konnte er es nicht mehr erwarten und räumte selbständig den Küchentisch ab, an dem die beiden gerade gefrühstückt hatten. „Na dann komm“, meinte nun die Großmutter.“ Nahm den Bodenschlüssel vom Schlüsselbrett und ging voran.

Was gab es dort nicht alles zu entdecken. Dinge, die sich über Jahrzehnte dort angesammelt hatten. Mit so manchem wußte der Junge nichts anzufangen und mußte erst erfragen, was das wohl sei. Geduldig erklärte die Großmutter alles. Das war ja ihr Ziel gewesen, ihrem Enkel auf diese Art einen interessanten Vormittag zu schaffen, wobei sie ihm gleichzeitig einen Blick in die Vergangenheit ermöglichte. Hinten, ganz in der Ecke stand eine kleine Kommode, mit einer alten Decke abgedeckt, die jetzt das Interesse des Jungen geweckte. Er nahm die Decke herunter und öffnete die Tür. Alte Fotoalben kamen zum Vorschein, Schreibhefte, selbst aus Omas Schulzeit. Die alte Dame versprach, nach und nach die Alben herunterzuholen, um Tobias ihren Inhalt zu erklären. Dieser kam aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Im unteren Fach fand er einen alten, recht großen Umschlag. Er nahm ihn heraus, um zu sehen, was sich wohl darin befände. Wie staunte er, als Krippenfiguren aus Pappkarton zum Vorschein kamen. „Oma, schau!“, rief er aufgeregt, „eine Krippe!" Die Großmutter kam näher und schaute lächelnd auf die Pappbögen. „Da hast du ja einen richtig tollen Schatz entdeckt. Den werden wir heute gleich mit nach unten nehmen. Immerhin ist morgen der 1. Advent.“

Nun hatte Tobias die Lust am Entdecken auf dem Boden verloren. Das verschob er gerne auf später. „Komm wir gehen herunter“, bat er jetzt die Großmutter ungeduldig. „Das kann ich mir vorstellen“, meinte diese mit einem Lächeln, „aber ich habe nichts dagegen. Es wird Zeit, daß wir ins Warme kommen. Hier auf dem Boden ist es doch schon recht kalt.“ Unten angekommen, setzte sich Tobias auf die Couch und holte alle Bastelbögen aus dem Umschlag hervor. „Wieso sind manche ausgemalt und andere nicht?“ erkundigte er sich. „Das kann ich dir sagen“, antwortete die alte Dame. „Dieser Bastelbogen stammt noch aus meiner Kindheit. Irgendwie war er mir abhanden gekommen. Das war damals eine schlimme Zeit. Ständig mußten wir in den Keller, weil Bombenalarm war. Da kann man schon einmal was aus den Augen verlieren, auch als Kind. Später hatte ich dann wohl andere Dinge im Kopf, denn ich war älter geworden und hatte diesen schönen Bastelbogen mit der Weihnachtskrippe einfach vergessen.“ „Damals hast du die angefangenen Bilder ausgemalt?“, Staunte der Junge. „Genauso ist es“, bestätigte die Großmutter. „Dann werde ich die anderen jetzt noch ausmalen“, entschied Tobias und die Großmutter freute sich an der Begeisterung ihres Enkels. Sie ging zum Schrank und holte ihre Aquarellstifte hervor, die sie sonst nur selbst benutzte. Stolz betrachtete Tobias die Stifte und begann zu malen.

Als beide am Nachmittag beim Kaffee saßen, waren alle Figuren ausgemalt. Nun mußten sie nur noch ausgeschnitten werden. „Das heben wir uns auf für das nächste Wochenende“, entschied die Großmutter. „Gleich kommen deine Eltern und holen dich ab. So hast du gleich noch etwas auf das du dich freuen kannst.“ Vorsichtig packte Tobias die Bastelbögen in den alten Umschlag zurück. „Es wird aber nichts verraten“, bat er nun. „Das soll eine Weihnachtsüberraschung werden. Hiermit war die alte Dame gerne einverstanden. Als die Eltern mit Tobias am Heiligen Abend nach der Christmesse zur Großmutter kamen, stand unter dem Weihnachtsbaum die Papierkrippe. „Wo hast du die denn her?“, fragte die junge Frau erstaunt ihre Mutter. Nun erzählte Tobias den Eltern, seine Weihnachtsgeschichte, denn er hatte mit der Großmutter gemeinsam alle Figuren auf dem Weg zur Krippe begleitet und kannte nun die Weihnachtsgeschichte besser als jeder andere. © Christina Telker

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