Der Weihnachtsvogel

 

Jeden Tag nach dem Frühstück saß Gerda am Fenster. Es war ihr eine besondere Freude die Vögel am Futterhaus zu beobachten. Putzig war es anzusehen, wie sie sich ihre Lieblingskörner heraussuchten und verspeisten. Es gab eine klare Rangordnung unter ihnen. Die Kleineren vertrugen sich bis auf ein paar Rangeleien ganz gut. Kam jedoch der dicke Kleiber angeflogen, husch waren sie weg. Gerda kannte im Laufe der Zeit fast jeden Vogel und seine Vorlieben. Eine dichte Schneeschicht hatte der Winter in diesem Jahr über die Erde gebreitet. So warteten die gefiederten Gesellen schon jeden Morgen auf das Futter.

Heute jedoch sollte es anders kommen. Gerda merkte die Unruhe, die an diesem Morgen unter den Vögeln herrschte. ‚Was ist nur los‘, überlegte sie, ‚ob der Grünspecht wieder im Anflug ist. Einmal hatte er sich bereits zum Futterhaus verirrt. Doch welch seltsamer Vogel setzte jetzt zur Landung an?‘ Noch nie hatte Gerda ihn gesehen. Strahlend weiß leuchtete sein Gefieder, so dass sie fast geblendet war.  Vor Begeisterung über den neuen Gast öffnete das Mädchen das Fenster, um ihn aus der Nähe zu betrachten. Kaum war dies geschehen, flog der Vogel ins Zimmer und landete auf Gerdas Schulter. Im ersten Moment war sie erschrocken und stand ganz stille. Als sie ruhiger wurde, sprach sie den Vogel an. „Wer bist du? Ich habe dich noch nie am Futterhaus gesehen, auch kenne ich keinen Vogel der aussieht wie du.“ Noch mehr staunte sie, als der Vogel antwortete. „Mich gibt es nur einmal, ich bin der Weihnachtsvogel. Ich erscheine in jedem Jahr einem Kind, das sich besonders um meine gefiederten Freunde in der Natur kümmert. So lange kein Schnee liegt, können sie sich alleine helfen, überall finden sie etwas, um ihren Hunger zu stillen. Deckt der Winter eine dicke Schneedecke über Wald und Flur sind sie auf die Hilfe der Menschen angewiesen. Für deine Gaben an jedem Morgen möchte ich mich bedanken. Ich komme von heute an bis Weihnachten jeden Tag zu dir und werde dir eine Geschichte erzählen und nun laß mich wieder ins Freie. Bis morgen kleine Gerda!“ Schon schwebte der Weihnachtsvogel über die Tannen davon.

Das Mädchen konnte immer noch nicht fassen, was es gerade erlebt hatte und hielt es für einen Wachtraum. Als der Weihnachtsvogel jedoch wie versprochen jeden Tag pünktlich zur Stelle war, wusste Gerda, dass es ihn wirklich gibt. Voller Ungeduld wartete sie an jedem neuen Tag auf ihn und seine Geschichten. Als dann der Morgen des 23. Dezembers gekommen war, verabschiedete er sich beim Abflug. „Wir werden uns nun nicht wiedersehen“, zwitscherte er seiner kleinen Freundin zu. „Ich fliege zurück in den Winterwald, um im Nächsten Jahr bei einem anderen Kind zu Gast zu sein. Dir kleine Gerda, bleibt jedoch die Erinnerung an mich und meine Geschichten.“ „Danke! Vielen Dank!“, rief Gerda ihrem gefiederten Freund noch nach. Dann schloss sie etwas wehmütig das Fenster. Sie wusste, sie würde den Weihnachtsvogel nie wiedersehen, und konnte nur die Erinnerung in ihrem Herzen bewahren.

© Christina Telker

 

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