Die Weihnachtsnuß

 

„Endlich Ferien!“, mit jubelnden Rufen stürmen die Kinder aus den Klassenzimmern und rennen über den Schulflur. Auch Ines freut sich. Morgen geht es zur Großmutter. Das Mädchen wohnt in einem kleinen Bergdorf, schon seit Wochen liegt der Schnee meterhoch. Ines liebt die Winterzeit und morgen soll es noch schöner werden. Das erste Mal war es ihr gelungen Mutti zu überreden, daß sie alleine zur Oma gehen darf. Im Sommer war das selbstverständlich, die Mutti wußte genau, daß ihre Tochter sich auskannte. Wenn jedoch im Winter der Schnee meterhoch lag, war es dem Mädchen nicht erlaubt diesen Weg zum Einödhof, oben in den Bergen, alleine zu gehen.

Als Ines daheim ankam, warf sie den Ranzen in den Schrank und packte ihren Rucksack für den nächsten Tag. Nichts durfte vergessen werden. Möhren für Rehe und Hasen, Vogelfutter für ihre gefiederten Freunde, Nüsse für das Eichhörnchen. Sicher würde sie ihnen wie schon so oft auf dem Weg zur Großmutter begegnen. Als Geschenk für die Großmutter hatte sie eine Nuß golden bemalt. Seit Ines sechs Jahre alt war, schenkte sie der Großmutter jedes Jahr eine vergoldete Nuß. In jedem Jahr hatte sie die Nuß anders verziert. Die Diesjährige war mit kleinen silbernen Perlen beklebt und sah wunderschön aus.

In der kommenden Nacht konnte das Mädchen vor Aufregung kaum schlafen. Im Traum sah sie riesige Schneeberge vor sich, aber das ängstigte sie nicht, war sie es doch gewohnt. Kaum graute der Morgen wanderte Ines los, zum Mittag wollte sie bei der Großmutter sein. Die Hälfte des Weges hatte sie bereits zurückgelegt, als plötzlich, wie in den Bergen des Öfteren, ein heftiger Schneesturm aufkam. So gut sie konnte, suchte das Mädchen Schutz an einem Berghang. Nach einer halben Stunde war der Sturm vorüber. Wo aber waren die eben noch sichtbaren Wege geblieben? Gleichmäßig erstreckte sich die weiße Bergwelt. Ines versuchte sich an den Bäumen und Bergen zu orientieren, die sie zu kennen meinte. Schon bald setzte sie sich erschöpft in den Schnee. „Wie soll ich nur den Weg finden“, überlegte sie. ‚Was war das? Flog da nicht eben eine Elster? Nein, das mußte ein Irrtum sein, diese Vögel trieben sich nur am Rande von Siedlungen herum.‘ Ines suchte in ihrem Rucksack etwas zur Stärkung. Auch die goldene Nuß nahm sie in die Hand. Ob sie heute noch zur Oma finden würde, gingen ihre Gedanken. ‚Da war er ja wieder, dieser seltsame Vogel. Es war ja doch eine Elster, dann dürfte es nicht weit sein bis zu den Menschen. ‘  Ines lockte den Vogel mit dem Futter, das sie vorsorglich eingepackt hatte. ‚Wie stelle ich es nur an, daß mir der Vogel den Weg weist‘, überlegte sie. Nun kam die Elster ganz zutraulich näher und ließ sich auf dem Rucksack des Mädchens nieder. Sie pickte jedoch nicht an dem Futter, sondern äugte immer wieder zu der Nuß hin. „Die bekommst du nicht, die ist für meine Oma“, lächelte Ines. Ihr war durch die Nähe des Vogels gleich viel wohler geworden. Die Angst, die sie zu erfassen drohte, war verschwunden. Immer wieder pickte die Elster nach der Nuß. „Gut“, meinte jetzt das Mädchen, „du zeigst mir den Weg und ich schenke dir die Nuß.“ Als ob der Vogel verstanden hätte, erhob er sich in die Lüfte. Schnell stand Ines auf und setzte ihren Weg fort, immer dem Vogel folgend. Schon nach einer Weile sah sie in der Ferne das Dach eines Bauernhauses. „Danke, kleine Elster. Du hast mir das Leben gerettet! Hier hast du die begehrte Nuß.“ Was man verspricht, hält man auch, sagte die Mutter stets. Ines legte die Nuß in den Schnee. Schnell kam der Vogel geflogen, nahm die Nuß in den Schnabel, erhob sich in die Lüfte und flog eine Runde über dem Kopf des Mädchens, als ob er ‚danke’ sagen wollte. Mit etwas Verspätung erreichte Ines den Einödhof der Großmutter. Glücklich lagen sich beide in den Armen.

Nach dem Essen berichtete Ines der Oma von der seltsamen Begegnung mit der Elster. „Nun habe ich kein Weihnachtsgeschenk für dich und in diesem Jahr war meine Nuß besonders schön“, schloß sie ihre Erzählung. „Das ist nicht schlimm mein Kleine! Viel wichtiger ist, daß du den Weg zu mir gefunden hast!“ Als zum Fest auch noch die Eltern den Hof der Großmutter erreichten, war die Freude groß. Voll Dankbarkeit gedachten sie der kleinen Elster.

(c) Ch. Telker

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