Bert der Schneemann

 

War das ein Winter in diesem Jahr! Die Kinder jubelten über die weiße Pracht. In den vergangenen Jahren war Frau Holle nicht so großzügig mit ihrer Flockenfülle gewesen. So konnten die Kinder jeden Tag ihren Schlitten herausholen. Auch Schneemänner sah man vor fast jedem Haus. Gela und Angie hatten den Größten gebaut und da er sie schon so lange jeden Morgen freundlich begrüßte, anstatt wegzutauen, war er ihnen, wie ein Freund ans Herz gewachsen und sie gaben ihm einen Namen. Bert, sollte er heißen.

Was die Schwestern jedoch nicht wußten, Bert war ein besonderer Schneemann. Jede Nacht von null bis zwei Uhr wurde er lebendig und unternahm einen Rundgang durch die umliegenden Straßen. Danach stand er brav wieder an der Stelle, an der ihn die Kinder gebaut hatten. In den zwei Stunden der Nacht, in denen ihm die Schneekönigin Leben einhauchte, wanderte er durch die Stadt, um nach seinen Kameraden zu sehen. Dem einen fehlte seine Nase, die ersetzt werden mußte, einem anderen hing der Hut so schief, daß er beim nächsten Windstoß davongeflogen wäre. Bert kümmerte sich um alles. Kaum reichten die zwei Stunden aus, um alle Aufgaben ordentlich zu erfüllen, denn Bert nahm sein Amt sehr ernst. So manches Mal schaffte er es gerade noch zum Glockenschlag um zwei Uhr, vor seinem Haus zu stehen.

Bis auf die eine Nacht, in der etwas Unerwartetes geschah. Als er kurz vor zwei Uhr um die Ecke der Nelkenstraße bog, fand er einen seiner Kameraden arg zugerichtet vor. Schwer hatte man ihm zugesetzt. Ihm fehlte nicht nur Hut, Nase und Augen, nein ihm fehlte auch ein Arm. So konnte Bert seinen Kameraden nicht in den neuen Tag gehenlassen. Traurig stand der Kleine da und sah sein letztes Stündlein gekommen. Bert wußte, daß er es heute nicht mehr vor das Haus seiner Freunde schaffen würde. Aber hier mußte sofort geholfen werden. Zuerst setzte er den Arm wieder an. Anschließend sammelte er Hut, Nase und Augen wieder ein und versorgte den armen Tropf so gut er konnte. Ein letzter Blick zeigte ihm, daß sein Werk gelungen war. In dem Moment schlug die nahe Kirchturmuhr zweimal und Bert blieb auf der Stelle stehen, auf der er sich gerade befand.

Wie staunten am nächsten Morgen die Bewohner der Nelkenstraße über den großen Schneemann. ‚Wer hat den nur über Nacht gebaut‘, überlegten sie. Gela und Angie glaubten jedoch ihren Augen nicht zu trauen, als sie am Morgen vors Haus traten. Wo war nur Bert? Aber so sehr sie auch suchten, nirgends war eine Spur von ihm. Nicht einmal ein Schnee-haufen, der ahnen ließ das Bert einst dort stand. In der Schule erfuhren sie von ihren Freunden, daß in der Nelkenstraße über Nacht ein besonders schöner Schneemann entstanden sei. „Den müßt ihr euch unbedingt ansehen“, forderte Gerd die beiden Schwestern auf. Neugierig geworden, folgten die beiden Mädchen nach der Schule ihrem Freund. Als sie um die Ecke der Nelkenstraße bogen und Bert erblickten, riefen beide wie aus einem Mund: „Das ist unser Schneemann! Das ist Bert!“ „Wer ist Bert?“, erkundigte sich Gerd verwundert. „Na Bert, unser Schneemann! Den haben wir gebaut!“, rief ganz aufgeregt Gela. „Da, schau, auf dem Schal ist mein Namenszeichen“, setzte Angie hinzu. „Aber wie ist er nur hierhergekommen“, wunderten sich die Kinder. Nun wurde überlegt, wie man den Schneemann wieder zu seinen Besitzerinnen zurückbringen könnte, denn keiner ahnte Berts Geheimnis.

Die Mädchen liefen nach Hause, um es ihren Eltern zu erzählen. Diese versprachen den Schneemann am kommenden Wochenende zurückzuholen. Bis dahin sollte er bei Gerd in der Nelkenstraße bleiben. Doch wie staunten die Geschwister, als sie am nächsten Morgen den Schneemann wieder vor ihrem Haus vorfanden. Er stand da als sei nichts geschehen auf seinem alten Platz. Verstehen konnte es keiner, die Schwestern freuten sich aber sehr, daß ihr Schneemann wieder auf seinem Platz stand.

(c) Ch. Telker

Dies ist eine mit page4 erstellte kostenlose Webseite. Gestalte deine Eigene auf www.page4.com